Bischof Markus Dröge über die Christenverfolgung


Bedrängte Christen
Von Markus Dröge

„Wir wissen nicht, wie lange wir unseren Glaubensgeschwistern noch sagen können, dass sie in Syrien und im Irak bleiben und durchhalten sollen“, hat mir Erzbischof Nayis von der syrisch-orthodoxen Kirche in einem persönlichen Gespräch erzählt. In meiner ­Eigenschaft als Vorsitzender der Kommission für den Mittleren Osten der Evangelischen Kirche in Deutschland (EMOK) hatte ich ihn vor wenigen Wochen in dem syrisch-ortho­doxen Kloster in Warburg (Westfalen) besucht. Da tut sich eine ungeheure Spannung auf. Denn auf der einen Seite sind die Christen im Nahen und Mittleren Osten wichtiger Teil der Gesellschaften ihrer Länder. Sie tragen mit Schulen und Universitäten zur Bildung bei und engagieren sich in der diakonischen und medizinischen Hilfe.
In Syrien und im Irak werden die Christinnen und Christen als gesellschaftliche ­Kräfte für ein funktionierendes Gemeinwesen dringend gebraucht. Ohne sie geht die kulturelle und religiöse Vielfalt, die den Mittleren Osten über Jahrhunderte prägte, verloren. Und die aramäische Sprache, die Sprache Jesu, droht endgültig zu verschwinden. Die Christinnen und Christen brauchen in ihren Heimat­ländern dringend Unterstützung und vor ­allem: endlich Frieden, damit sie bleiben können.  
Auf der anderen Seite steht das, was sie zurzeit erleben müssen: Sie sind massiver ­Verfolgung ausgesetzt. Die Terrorgruppe des sogenannten IS verfolgt sie systematisch und auf grausamste Weise. Kirchen werden zerstört und das Hab und Gut geraubt. Als evangelische Kirche stehen wir den orientalischen Kirchen in dieser existenziellen Spannung bei, so gut wir es können. Wir unterstützen Projekte im Mittleren Osten. Zum Beispiel in einem Schulprojekt in Jordanien, in dem syrische und irakische Flüchtlingskinder und Jugendliche durch Bildungsangebote unterstützt werden. Oder Sozialprojekte mit Flüchtlingen in der Türkei. Ich selbst konnte mir im letzten Jahr vor Ort ein Bild von dieser wichtigen ­Arbeit machen.
Auf der anderen Seite begegnen wir ­orthodoxen Christinnen und Christen unter den Flüchtlingen, die bei uns Schutz suchen. Es gibt viele Gemeinden in der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, die ganz bewusst den Kontakt zu orthodoxen Christinnen und Christen suchen und sie unterstützen. Ich begrüße das sehr und kann nur dazu ermutigen, den lebendigen Dialog mit orientalischen Christinnen und Christen vor Ort zu intensivieren. Denn die reiche christlich-orthodoxe Tradition, die aktuell in ihrer Existenz bedroht ist, ist bei uns oftmals noch zu wenig bekannt.
Es ist unser Auftrag, den Glaubensgeschwistern solidarisch zu begegnen. Wir ­gehören alle miteinander zu dem weltweiten Leib Christi, dem die Liebe und Barmherzigkeit Gottes gilt.<

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