Störenfried und Gesprächspartner

Die Geschichte der evangelischen Kirche in der DDR betrachtet Sebastian Stude in doppelter Hinsicht „unbefangen von außen“. Als die Mauer fiel, war der gebürtige Hallenser zehn Jahre alt, so dass er kaum eigene DDR-Erfahrungen hat. Und er gehört auch keiner Kirche an. Mit umso größerem Enthusiasmus hat sich der junge Historiker jetzt einem Projekt verschrieben, das das Verhältnis von Staat und Kirche in den Kirchenkreisen Pritzwalk, Perleberg und Kyritz aufarbeiten will. Das „Spannungsverhältnis von Störenfried und Gesprächspartner“ reize ihn, sagt er. Und auch philosophisch betrachtet findet der Wissenschaftler den „Vergleich von Protestantismus und Sozialismus sehr spannend“,  insbesondere hinsichtlich der Themen Frieden, Gerechtigkeit oder Solidarität.

Der erste Impuls für das Vorhaben sei aus der Kirche selbst gekommen, erzählt Stude. Der frühere Pfarrer der Gemeinde Falkenhagen im Kirchenkreis Pritzwalk-Havelberg, Ulrich Preuß, habe geradezu dazu gedrängt. „Das zeigt, dass das Thema die Menschen vor Ort noch immer bewegt und Gesprächsbedarf besteht“, sagt Stude. Dass er selbst sich ausgerechnet in dieser Region mit dem Thema auseinandersetzt, ist allerdings Zufall. Durch seine Freundin, die in Pritzwalk als Tierärztin gearbeitet hat, ist er in der Prignitz gelandet. Dabei ist er sich sicher, dass in den Kirchenkreisen im Nordwesten Brandenburgs in den vergangenen zwei Jahrzehnten „offenbar nicht weniger, aber auch nicht mehr“ als anderswo zur historischen Aufarbeitung der DDR-Geschichte geschehen sei.
Den zeitlichen Abstand von einem knappen Vierteljahrhundert nach dem Ende der DDR hält Stude aus Historikersicht für äußerst günstig. Zum einen seien die relevanten Archivbestände schon größtenteils erschlossen und zugänglich, zugleich könnten noch viele Zeitzeugen befragt werden. „Und es gibt mittlerweile eine politische und emotionale Atmosphäre, die eine wissenschaftlich-sachliche und menschlich-faire Behandlung des Themas ermöglicht“, sagt er. Das Projekt verstehe sich als ein Beitrag dazu.
Stude kennt sich auf dem Gebiet der DDR-Geschichte sehr gut aus. So widmete er 2006 seine Magisterarbeit an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg dem Thema „Friedliche Revolution 1989/90“. Zudem war er 2012 wissenschaftlicher Gutachter einer Enquete-Kommission des Brandenburger Landtags zur jüngsten Geschichtsaufarbeitung.

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