Zeit für mehr Ehrlichkeit

Nachama, Antisemitismus, christlich-jüdischer Dialog
Foto: epd



In Deutschland stoßen jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger immer wieder auf Gleichgültigkeit, Unwissen und Intoleranz, auch von Seiten der evangelischen Kirche. Die jüdische Gemeinde beklagt, dass antisemitische Vorfälle nicht ausreichend ernst genommen werden. Was muss getan werden?

Von Andreas Nachama

80 Jahre nach den Novemberpogromen der Nazis lesen wir wieder Statistiken von antisemitischen Vorfällen, müssen zur Kenntnis nehmen, dass die Täter von Schändungen jüdischer Friedhöfe nur in einem Bruchteil der Fälle ermittelt werden, sind hilflos, wenn Kippa-tragende Personen angegriffen werden, haben zur Vermeidung von Gefährdungen jüdischer Einrichtungen diese mit schusssicheren Scheiben und hohen Zäunen umgeben.

Folgt man den aufgeregten Diskursen in der Presse könnte man meinen, die beklagenswerten Umstände wären neu. Hingegen wurden die Fortifikationsmaßnahmen jüdischer Einrichtungen in Berlin schon in den 1990er Jahren nötig, gab es damals schon zum Beispiel am Wittenbergplatz einen gewaltsamen Übergriff auf einen Berliner Rabbiner, auch damals schon antisemitische Vorfälle an öffentlichen Schulen.

Kann man also achselzuckend zur Tagesordnung übergehen und sagen, es war schon immer so? Würde man so argumentieren, dann wäre unsere freiheitliche Grundordnung und Gesellschaft nicht nur krank, sondern extrem gefährdet. Es ist an der Zeit, dass wir uns ehrlich machen: Wir müssen eingestehen, dass wir mit großer Gleichgültigkeit hinnehmen, dass wir es über alle Jahrzehnte des Bestehens der Bundesrepublik hinweg hingenommen ­haben, dass sich circa 20 bis 25 Prozent der ­Bevölkerung in Umfragen als Personen mit antisemitischen ­Positionen zeigen.

Damit soll gesagt sein, dass antisemitische Haltungen zwar neuerdings zunehmend durch Personen mit Migrationshintergrund zu beklagen sind, andererseits es auch eine antisemitische Grundhaltung in der Mitte der Gesellschaft gibt. Und wie man an der BDS-Boykottkampagne gegen israelische Produkte sehen kann, haben hier auch den christlichen Kirchen nahestehende Organisationen unrühmlich Anteil. Die Vermengung von fundamentalistischer Kritik an Positionen der israelischen Regierung mit Vorurteilen gegen Juden in Europa ist weit verbreitet.

Auch der christlich-jüdische ­Dialog hat nicht wirklich zur umfassenden Besserung beigetragen, ­obwohl die christlich-jüdischen Initiativen sich landauf, landab redlich mühen. Denn an nicht wenigen ­Stellen sind Pfarrer bereit, Nakba und Shoa gleichzusetzen und dies gegeneinander aufzurechnen. Die Berliner Fakultät für Evangelische Theologie hat einen Vertreter, der den christlich-jüdischen Dialog nachhaltig stört, indem er die ­he­bräische Bibel herabstufen will, sodass sie nicht mehr den kanonischen Rang hat wie das Neue Testament. Der Protest dagegen bleibt überschaubar.

Der emeritierte deutsche Papst hat nicht nur die nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil abgeschaffte Karfreitags-Fürbitte, die die Juden als Ungläubige bezeichnet, wieder eingeführt, sondern jetzt in einem vom für den interreligiösen Dialog zuständigen deutschen Kurienkardinal Kurt Koch publizierten Aufsatz deutlich gemacht, dass ein theologischer Diskurs mit Juden nicht auf Augenhöhe stattfinden kann.

Was tun, um dagegen ein Zeichen für christlich-jüdische Verständigung zu setzen? 2019 wird der ­bundesweite Zusammenschluss christlich-jüdischer Gesellschaften seinen 70. Jahrestag begehen – jetzt ist es das Gebot der Stunde, diese erste Bürgerinitiative im Nachkriegsdeutschland für die nächsten 70 Jahre zu stärken, indem Christinnen und Christen durch Beitritt ein Signal setzen.

Eine andere Möglichkeit wäre es, den Trialog durch Unterstützung des House of One, unter dessen Dach sich eine Synagoge, eine Kirche und eine Moschee befinden sollen, zu stärken. Und mitzugehen beim ökumenischen Gedenkweg zur Erinnerung an die Kristallnacht am 8. November in Berlin-Mitte – damit sich Ähnliches nicht wiederholt. Ich jedenfalls werde dabei sein. Und am Abend des 9. Novembers wird Propst Christian Stäblein in meiner Synagoge predigen. So kann jede und ­jeder Einzelne etwas beitragen und wenn alle etwas tun, könnte daraus eine große Bewegung werden.

Andreas Nachama ist Direktor der Stiftung Topographie des Terrors.

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Kommentar von Wolfgang Banse |

Rabbiner Andreas Nachama sei gedankt für seinen Kommentar in der Evangelischen Wochenzeitung:Die Kirche. Seinen Ausführungen kann man uneingeschränkt zu stimmen.Mögen seine Worte gehört werden und umgesetzt werden.