Warum so und nicht ­anders verhalten?

Gottesdienst was anziehen? Verhaltensregeln
Foto: epd

 

Was sich empfiehlt, beim Gottesdienstbesuch zu beachten

Von Sibylle Sterzik

„In einer Kirche kann man eine ganze Menge falsch machen“, sagt der junge Mann an der Ausgabe der ­Bibliothek, als eine Leserin nach einem Buch über richtiges Verhalten in der Kirche fragt. Beim Einzug der Kinder zum Erntedankfest habe er seine Tochter mit ihrem Körbchen fotografiert, erzählt er. Er wollte das festliche Gottesdiensterleben festhalten. Eine Portion Vaterstolz war auch dabei.

Doch der Pfarrer maßregelte ihn. Fotografieren sei nicht erlaubt im Gottesdienst. Ob er das Schild nicht gesehen habe. Leider blieb eine Erklärung aus. Bis heute versteht der Vater nicht, wes großen Vergehens er sich mit dem Kameraklick schuldig machte. Die Gottesdienste dieses Pfarrers meidet er seitdem.

So sollte es nicht sein. Denn evangelische Pfarrerinnen und ­Pfarrer haben sich auf ihre Fahnen geschrieben, einladende und menschenfreundliche Gottesdienste zu feiern, in denen das Evangelium ­lebendig und lebensnah verkündigt wird. Seine Botschaft: So, wie du bist, Gott nimmt dich an. Ohne Vorbedingung. Wenn Gottesdienste in Liturgie und Ordnung das spiegeln, dienen sie dieser Verkündigung. Wenn nicht, stehen sie ihr im Weg. Das heißt freilich nicht, man kann im Gottesdienst einfach herumturnen, wie man will. Der Ort und der Anlass – Gott begegnen und ihm die Ehre geben – sprechen für sich. Ruhe tut der Andacht gut.

Fotografieren oder nicht?
Gott ist gegenwärtig – das ist der Gottesdienst auf die kürzeste Formel gebracht. Im Aufschlagen der Bücher, wie man im Mittelalter auch die Schriftlesungen nannte, kommt Gott zur Welt und zu seiner versammelten Gemeinde. Der Gottesdienst wird zum Zwiegespräch, zur Gemeinschaft mit Gott. Unser Leben wird in ein neues Licht getaucht.

Wer fotografiert wird, ist mit dem Positionieren fürs Foto beschäftigt und fällt aus der Teilnahme am Gottesdienst heraus. Deshalb am besten ohne Paparazzi. Aber dennoch dürfen Erinnerungsfotos sein. Was das angeht, empfahl die Kirchenleitung der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg 1997 den Kirchengemeinden eine Richtline für die Praxis (nachzulesen unter www.kirchenrecht-ekbo.). Danach legt der Gemeindekirchenrat die Bedingungen beim Fotografieren und Filmen fest. Damit sie eingehalten werden, weisen Pfarrerinnen und Pfarrer darauf hin, besprechen das Procedere vor den Amtshandlungen mit den Familien.

Als Faustregel gilt: Fotografieren und filmen am besten nur beim Einzug oder Verlassen der Kirche, Zurückhaltung bei Abendmahl, Taufe, Einsegnung von Konfirmanden, Segnung von Traupaaren oder Mitarbeitenden, die ordiniert und eingeführt werden. Das Herumlaufen und Nutzen von Blitzlichtgeräten ist dabei unangemessen. Persönlichkeitsrechte dürfen nicht verletzt und Menschen beim Gebet nicht fotografiert werden.

Stehen und Sitzen
Aufstehen oder Sitzen? In mittelalterlichen Kirchen war das keine Frage. Kirchenbänke gab es nicht. Heute ist es umgekehrt. Fast sitzt die Gemeinde nur noch. Das scheint bequem. Doch damit geht eine Teilnahme von Geist und Leib verloren. Denn Stehen ist ein eigenständiger Ausdruck des Körpers, eine liturgische Grundhaltung. Symbolisch drückt es die österliche Existenz der Erlösten aus, schreibt Ottfried Jordahn im Liturgischen Handbuch: „Es bringt Achtung, Ehrerbietung, aber auch Aufmerksamkeit und Dienstbereitschaft zum Ausdruck.“

Die Gemeinde steht beim Einzug der Liturgen, der Pfarrerinnen und Pfarrer, der Kofirmandinnen, Brautpaare, Täuflinge, Ordinanden, Einzuführenden. Das drückt eine Hochachtung aus, ist aber vor allem das Zeichen, dass Gemeinde und Akteure etwas gemeinsam tun und sich dabei begleiten. Eigentlich ist das Stehen die angemessene Haltung im ganzen ersten Teil des Gottesdienstes, beim Gruß (Salutatio „Der Herr sei mit euch“), der Vergebungsbitte (Schuldbekenntnis), den Anrufungen (Kyrie „Herr erbarme Dich“ und Gloria „Ehre sei Gott in der Höhe“), dem Tagesgebet (Kollektengebet).

Auf jeden Fall steht die Gemeinde zum Evangelium, Glaubensbekenntnis (Credo), der Abendmahlsliturgie, dem Vaterunser und beim Segen. Eine weiterentwickelte Form des Stehens ist etwa die Körperwendung zum Altar, zum Nachbarn beim Friedensgruß oder zu den Einziehenden. Für den Liturgen gilt dabei die Regel „cor semper ad altare“: „Das Herz immer zum Altar“.

Das Sitzen ist die Haltung des intensiven Zuhörens, Meditierens, des sich Vertiefens in Wort und Musik, der inneren Einkehr. Im protestantischen Gottesdienst gibt es sehr viel zu hören. Alttestamentliche Lesung, Epistel, Predigt. Und so ist weitgehend in deutschen evangelischen Kirche die Sitzhaltung fast den ganzen Gottesdienst über zu beobachten. Die Sprache der Gesten verarmt.

Gehen und Wandeln
Gehen im Gottesdienst kommt etwa beim Abendmahl, bei einem Wandelgang um den Altar vor, beim Hineingehen in den Gottesdienst und beim Herausgehen. Aufrecht gehen ist symbolischer Ausdruck der Menschenwürde. Wenn Menschen in den Gottesdienst gehen, folgen sie, so der Praktische Theologe Manfred Josuttis, einem instinktiven Trieb der Lebenssicherung. „Sie ­machen sich auf den Weg, um eine andere, um die eigentliche Wirklichkeit zu entdecken.“ Wenn Christen in den Gottesdienst oder innerhalb dessen zum Abendmahl gehen, symbolisieren sie das wandernde Gottesvolk.

Was ziehe ich an?
Betrete ich eine Kirche, weist oft ein Schild daraufhin, die Schultern und Knie zu bedecken. Mag Gott freie Schultern nicht? Männer dagegen sollen in manchen Gotteshäusern einen Hut tragen. Damit keine Haare herumfliegen? Welche Kleidung ist angemessen in der Kirche und im Gottesdienst? „Hat der Herr gesagt, er kommt nur zu den ordentlich angezogenen Leuten, alle anderen können mir gestohlen bleiben?“, wie in einem Chat zum Thema zu lesen ist.
Niemand geht in Strandkleidung in die Oper, dem Charakter des ­sakralen Ortes, an dem Menschen beten und Abendmahl feiern, ist leichte Bekleidung auch nicht angemessen. Ob Gott einen bestimmten Modestil bevorzugt, vermag niemand zu sagen. Aber dass festliche Kleidung im Gottesdienst getragen werden soll, lässt sich möglicherweise aus dem Matt­häusevangelium im 22. Kapitel ableiten. Es erzählt vom großen Gastmahl. Der Gastgeber fragt einen Gast, warum er kein festliches Gewandt trägt. Dann wirft er ihn raus. Das ist natürlich keine Praxis.

Viele Menschen gehen in die Kirche, um hier Gott zu begegnen. Und für diese Begegnung ziehen sie sich dann besonders festlich an, zum Beispiel einen Anzug oder ein schönes Kleid. Das ist aber keine Pflicht, denn für den Gottesdienst gibt es keinen offiziellen Dresscode, außer für Kopfbedeckungen: Männer setzen Mützen und Hüte generell ab, wenn sie in die Kirche kommen.

Für alles andere gilt: Die Kleidung darf die innere Haltung zum Gottesdienst spiegeln. Bunt und fröhlich, wenn man den Gottesdienst locker angehen möchte. Gedeckt, elegant, wenn in der Gemeinde eher ein klassischer Gottesdienst gefeiert wird.

Sich einstimmen
Auf den Gottesdienst lässt sich gut zu Beginn einstimmen. Viele Menschen sprechen, an ihrem Platz angekommen, noch stehend ein kurzes, stilles Gebet in Richtung des Altars. Ewa so: „Guter Gott, ich bin da, öffne mir Ohren und Herz für Dein Wort“ oder „Ich weiß nicht, was mich erwartet, aber Gott, lass mich etwas erleben, was mir Kraft gibt für die anstrengende Woche.“ In jedem Fall freuen sich die Gottesdienstbesuchenden links oder rechts neben einem selbst über einen freundlichen Blick oder eine Begrüßung.

Muss ich etwas mitnehmen?
Jeder, der kommt, bringt unbewusst vieles mit: Gedanken, Kummer, Hoffnungen, Erwartungen. Mit diesen Gefühlen arbeitet der Gottesdienst. Er formt sie in Gebete und drückt sie durch Gemeindelieder und gesprochene Psalmen aus.

Bei Gottesdiensten zu großen Feiertagen könnten die Gesang­bücher knapp werden. Zur Sicherheit sollte daher ein Gesangbuch mitgebracht werden, wenn vorhanden. Für die Kollekte, die im Gottesdienst in den Reihen und am Ausgang gesammelt wird, also Geld für einen guten Zweck, braucht man dieses. Es ist aber keine Bedingung. Im eigenen Interesse und dem der anderen empfiehlt es sich, das ­Mobiltelefon auszuschalten. Das Klingeln würde nicht nur die Ruhe des Gottesdienstes stören, sondern alle Augen könnten sich dann auf den Versursachenden richten.

Hilfe, ich bin spät dran!
Das kann schon vorkommen, vor allem bei langen Anreisen zur Kirche. Familien mit Kindern fällt es auch manchmal nicht leicht, zum Glockenschlag da zu sein. Hat der Gottesdienst bereits begonnen, wartet man am besten bis zum nächsten Lied oder Musikstück. Dann kann man leise eintreten und einen Platz suchen, ohne die Gemeinde zu stören. Mit etwas Glück ist noch ein Platz in der Nähe der Tür frei, sodass man nicht lange suchen muss. Ein zweiter Tipp ist die Empore: Oft sind dort noch Plätze frei, wenn unten schon alle belegt sind.

Liedblätter und Sitzplätze
Vor dem Hinsetzen ist es ratsam zu überprüfen, ob es für einen Festgottesdienst extra angefertigte Liedblätter gibt. Entweder liegen sie auf einem Tisch im Eingangsbereich bereit oder ein Mitarbeiter der Kirchengemeinde verteilt sie an der Tür. Ebenso verhält es sich mit den Gesangbüchern. Jeder und jede kann sich eines nehmen und dann einen Platz in der Kirche suchen. Dabei gibt es eine Besonderheit, etwa bei Konfirmationen, Taufen oder Einführungen von Pfarrerinnen und Pfarrern: Für die Familien und die Mitwirkenden sind oft spezielle Bänke ganz vorn reserviert.

Zurück

Einen Kommentar schreiben

Kommentar von Wolfgang Banse |

Das Verhalten im Gotteshaus lässt oft zu wünschen.Vielleicht hat dies auch mit dem Zeitgeist zu tun.Lässig ist die Kleidung all zu oft von Mitwirkenden im Gottesdienst , auch aber von Gottesdienstteilnehmern.. Man schaut auf sein Tablet, Smart/IPhone, unterhält sich mit seiner Nachbarin, mit seinen Nachbarn. Ob wohl darum gebeten wird im Gottesdienst nicht zu fotografieren , zu filmen, wird es doch getan. Bevor der Gottesdienst beginnt, ist der Geräuschpegel sehr hoch, Rücksicht auf Menschen die sich im Gebet befinden, sich einstimmen lassen wollen, wird nicht genommen.Knigge Anstaltsregeln sind im Gotteshaus nicht nur von Gottesdienstteilnehmern, als zu oft auch von Mitwirkenden, hier Hauptamtlichen nicht erleb, erfahrbar.Das kleine 1X1 der Vewrhaltensregeln solllte gerade in Gotteshäusern noch gelebt werden

Kommentar von Martin Conradi |

Regenbogenfarbenes Haupthaar, eine Harlekin- oder Mickymaus-Kleidung zu allgemeiner Festzeit - das fand ich unmöglich. Heute freue ich mich daran. Die Träger haben immer ein präsentes Gesicht.
Photographieren im Gottesdienst war mir zunächst mit Skrupel verbunden. Jetzt bedenke ich, daß in kirchlicher Öffentlichkeit mit Dokumentation und wie in journalistisch einladender Intention die Bildsprache ein wesentliches Element ist. In der dieser Kirchenzeitung (2019-Nr.9) sahen wir den singenden Bischofskandidaten auf der Kanzel und einen Kindergottesdienst, davor den Militärgottesdienst-Organisten im Dienst und voriges Jahr ist ein Neuruppiner Segnungsgottesdienst wie auch ein Klaistower Freiluftgottesdienst mit Freuden mitgeteilt. Gottesdienste-Bilder im Sonntagmorgen-Fernsehen und auf Großkirchentagen mit Jubeln und mit Beten sollen viele Seelen erreichen können. - Wer im Gottesdienst photographiert, ist jedenfalls interessiert anwesend.