Vom Neonazi zum Pastor

Johannes Kneifel. Foto: Thorsten Wulff

Von Karsten Wolkenhagen, Clara, Isabel, Josefine und Tatjana

 

Wann hast du beschlossen, Pastor zu werden?

Das war im Januar 2006, in einer Jugendstunde einer Gemeinde. Da hatte ich während eines Liedes das sichere Gefühl, dass Gott gerade zu mir spricht. Und mir sagt, dass ich Pastor werden soll.

War das die dramatischste Wendung in deinem Leben?

Das ist auch eine dramatische Wendung, ganz bestimmt, aber Dramatik und Wendungen gab es so einige.

Welche waren das?


Ich war mit 14 sehr aktiv in der rechten Szene, habe dort aus meiner damaligen Sicht genau die Kameradschaft gefunden, die ich immer gesucht hatte. Dort hatte ich das Gefühl, stark zu sein, stolz sein zu dürfen auf etwas, nicht so wie zu Hause. Meine Eltern habe ich damals als sehr schwach empfunden, die haben mir keine Orientierung gegeben.

Ich habe dann aber recht bald auch erlebt, dass es trotz der behaupteten Gemeinschaft brutale Gewalt untereinander gab. Gewalt gilt in dieser Szene als legitimes Mittel, nach innen und besonders nach außen. Als ich vor Gericht stand, hat die Gruppe mich sofort fallen gelassen und behauptet, ich sei nur ein asozialer Säufer.

Warum standest Du vor Gericht?


Mein damaliger Kumpel und ich, wir waren total betrunken und sind losgezogen, um einen zu verprügeln. Wir haben eine Tür eingetreten und haben einen Menschen  verprügelt. Wir haben erst am nächsten Tag erfahren, dass Peter Deutschmann, so hieß der Mann, gestorben ist.

Was ist dann passiert? War das die Wendung in Deinem Leben?

Ja, das war auch eine Wendung. Eine schlimme. Ich bekam fünf Jahre Knast. Und dort war ich für fast alle der Rassist. Ich saß 23 Stunden in meiner Zelle, um eine Stunde Hofgang zu bekommen. Den ganzen Tag lief der Fernseher. Da vergisst man irgendwann, wie das Leben funktioniert.

Hast Du etwas daraus gelernt?

Die Erfahrung war schlimm für mich, ich kam als Jugendlicher in den Knast. Fast alle ließen mich fallen. Im Gefängnis habe ich  erfahren, dass Gott mich nicht fallen gelassen hat. Dass Gott etwas anderes in uns Menschen sieht und dass Gott jeden Menschen zu einem guten Menschen machen kann. Ich habe gelernt, dass selbst, wenn ich bei den Menschen keine zweite Chance bekomme, Gott mir eine zweite Chance gibt. Für Gott gibt es keine hoffnungslosen Fälle. Diese Erfahrung bedeutet für mich, Menschen nicht nur zur Umkehr zu rufen, sondern ihnen auch einen Platz bei der Umkehr zu geben.

Hat deine Familie dich im Gefängnis besucht?

Ja, meine Eltern, meine Schwester und mein Bruder. Ich hatte zu allen kein gutes Verhältnis. Im Gefängnis war es so, dass meine Schwester mir einen Fernseher lieh und mein Bruder meine Eltern mit seinem Auto ins Gefängnis fuhr. Meine Mutter hat viel geweint. Da habe ich gespürt, dass ich meinen Eltern etwas bedeute. Aber auch, dass sie gar nicht verstanden haben, wie das Leben im Gefängnis ist und wie es mir so geht. Trotzdem habe ich gemerkt: Das ist meine Familie, das wird sie auch immer bleiben.

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