Vergebung und Versöhnung

Foto: epd

 

An einem Runden Tisch diskutieren Zeitzeugen, welche Schuld die Evangelische Kirche gegenüber
Opfern des DDR-Regimes trägt und welche Formen der Aufarbeitung möglich sind

Von Constance Bürger

Die Kirche hat entscheidend zur Friedlichen Revolution beigetragen. Dennoch gibt es eine Gruppe von Menschen, die sich zu DDR-Zeiten von der Kirche im Stich gelassen fühlten. Da sind Pfarrer, die keinen anderen Weg als die Ausreise aus der DDR sahen. Ihnen wurde in den westdeutschen Kirchen teilweise für mehrere Jahre die Rechte aus der Ordination aberkannt. Jugendlichen – besonders aus Pfarrersfamilien – wurden bestimmte Schul- oder Berufswünsche verwehrt. Anderen Christen, auch kirchlichen Mitarbeitenden, wurden ungerechtfertigt Stasi-Aktivitäten vorgeworfen.

Aber da sind auch Menschen, die nach der Wiedervereinigung Verletzungen erlebt haben: Katechetinnen und Sozialarbeiterinnen im kirch­lichen Dienst, die im Einigungsvertrag zwischen der DDR und der BRD nicht berücksichtig wurden. Für ihre Arbeitszeit in der DDR existiert keine rechtliche Versorgungsgrundlage. Diese Erfahrungen wirken nach.

Neben den vielen mutigen Schritten, die Kirche zu DDR-Zeiten gegangen ist, „ist Kirche auch schuldig geworden“, sagt Martin-Michael Passauer, ehemaliger Berliner Generalsuperintendent. Innerhalb der EKBO will man nun in einem Diskussionsprozess diesen offenen Problemen nachgehen. Dem Versagen der hiesigen Evangelische Kirche zu DDR-Zeiten soll nachgegangen und auf auch heute noch offene Wunden aufmerksam gemacht werden. Welche Möglichkeiten für deren Aufarbeitung gefunden werden können, steht dabei auch im Mittelpunkt.

Dafür zieht derzeit dafür ein Runder Tisch durch die Landeskirche. ­Marion Gardei, Beauftragte für Erinnerungskultur der EKBO, lädt an den immer gleichen Holztisch regelmäßig Menschen ein, um sich über Verluste und Errungenschaften der Friedlichen Revolution auszutauschen. Zuletzt waren das fünf Frauen und Männer im Rahmen der Herbsttagung der Landessynode Ende ­Oktober. Mit dabei war auch Bernd Albani. Er war ab Herbst 1989 Pfarrer an der Gethsemanekirche. Freiheit und Eigenverantwortlichkeit haben die Menschen gewonnen, so Albani. Dass die Kirche ihre Kraft und ihren Respekt, die sie damals erlebte, verloren hat, bedauert er.

Versöhnung kann man nicht erzwingen
Neben ihm sitzt Renate Nowotnick. Sie ist Vizepräses der Landessynode und Religionslehrerin in ­Luckau. Schon zu DDR-Zeiten begleitete sie junge Menschen als Lehrerin. „Kirche war ein Hort, ein Auffangraum für viele Jugendliche in der DDR“, sagt sie – egal ob christlich oder nicht. Kirche habe ihnen aber in den 1990er Jahren zu wenige Angebote gemacht. Sie stellt enttäuscht fest: Kirche spiele heute kaum noch eine Rolle für die jungen Leute. Nach 1989/90 erlebte sie eine Stimmung, die eine sofortige Versöhnung forderte. „Verletzungen, die man hatte, sollten plötzlich vergessen sein“, sagt sie. Aber man könne Versöhnung nicht erzwingen.

Ist dafür jetzt der richtige Moment gekommen? Die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM) verabschiedete vor zwei Jahren ein Bußwort. Es befasst sich mit Schuld und Versagen gegenüber haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitenden der Vorgängerkirchen der EKM, die Opfer des DDR-Regimes wurden und dabei keine ausreichende Unterstützung von der Kirche erfahren haben oder sogar dienstrechtliche sanktioniert wurden. Die EKM bat sie um Vergebung. „Wir haben staat­lichen Druck zu oft nicht standgehalten“, heißt es. Unrecht sei zu oft nicht widersprochen worden.

Meist seelsorgerliche Gespräche mit Betroffenen
Im Rahmen von zwei Foren lud die EKM im Mai 2018 und ein Jahr später zum Austausch und Gespräch über das Bußwort ein. Der Beirat für Versöhnung und Aufarbeitung der EKM, der das Bußwort initiierte, beauftragte außerdem Recherchen in den Kirchenarchiven, um potenziell Betroffene zu identifizieren, berichtet Johannes Beleites, Vorsitzender des Beirates. Dessen Mitglieder sowie später auch die ehemalige Landes­bischöfin Ilse Junkermann führten Gespräche, meist seelsorgerlicher Art, mit Betroffenen. Weitere Planungen werden derzeit diskutiert, so Beleites.

Welche Form der Aufarbeitung bei diesen sensiblen Fragen es nun in der EKBO braucht, darüber diskutierten auch die Teilnehmenden am Runden Tisch der Landess­synode. Für die Historikerin und Theologin Marianne Subklew-Jeutner ist es zentral, das Leid der Menschen wahrzunehmen. Dabei müsse es sich nicht unbedingt um ein Schuldbekenntnis handeln. Der direkte Kontakt und der Dialog steht für Erinnerungsbeauftragte Marion Gardei im Mittelpunkt. Sie würde eine Anlaufstelle als hilfreich empfinden, „wo sich Menschen hinwenden können, die sich durch kirchliche Handlungen in der DDR verletzt fühlen“, sagt sie.

Versöhnende Gesten können nach Martin-Michael Passauer ein entscheidendes Mittel sein. Damit setze Kirche ein Zeichen gegen Polarisierung, Abgrenzung und Streit. Eine Anregung findet er im Judentum. In manchen Regionen gibt es den Brauch des „Taschlich“ (Du wirst werfen). Am ersten Tag von Rosch Haschana, dem jüdischen Neujahrsfest, werfen Jüdinnen und Juden Brotkrümel in einen Fluss. Dabei sprechen sie drei Mal das Gebet „Du wirst alle unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen“ (Micha 7,19). Symbolisch bitten sie so Gott um Vergebung für ihre Sünden aus dem alten Jahr, damit sie befreit, zuversichtlich und mutig ins neue Jahr gehen können.

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