Unrechtstrukturen aufbrechen

Film "Buoyancy"
Ausschnitt aus dem Film "Buoyancy". Foto: Rafael Winer



Rückblick auf die Berlinale 2019: Die Ökumenische Jury hat Filme mit Botschaft ausgezeichnet. Es geht um Gleichberechtigung, alte Rituale, moderne Sklaverei, Fluchterfahrung und Zerstörung der Schöpfung

Von Roland Wicher

Auf dem Ökumenischen Empfang zum Auftakt der Berliner Filmfestspiele hielt der scheidende Festivaldirektor Dieter Kosslick eine flammende Rede über die politische Verantwortung des Kinos und die Wichtigkeit der Festivalkultur. Als Beispiel nannte er einen Wettbewerbsbeitrag aus Mazedonien, der einen Konflikt um eine Frau und religiöse Traditionen in den Mittelpunkt stellt.

Dass die Ökumenische Jury den Hauptpreis nun ausgerechnet an den Film im Internationalen Wettbewerb vergab, den Kosslick den Kirchen in seiner Rede empfahl, hat freilich nichts mit Beeinflussung zu tun. Vielmehr ist „Gospod postoi, imeto i'e Petrunija (God exists, her Name is Petrunya)“ (Regie: Teona Strugar Mitevska) ein cleverer und komischer Film, der zugleich Strukturen männlicher Dominanz in Mazedonien kritisch unter die Lupe nimmt.

Petrunija ist eine Frau Anfang 30 und arbeitslos. Ihre große Ausstrahlung entfaltet sich im Lauf des Films immer mehr, ohne konventionellen Schönheitsnormen zu entsprechen. Petrunija entpuppt sich, so viel sei vorweggenommen, als Historikerin. Eine brotlose Kunst, und so lebt sie in prekären Verhältnissen bei ihrer kontrollsüchtigen Mutter und dem solidarischen, aber lethargischen Vater.

Nach einem gescheiterten Jobinterview gerät sie am Dreikönigstag unverhofft in eine Menschenmenge – Hunderte junge Männer mit nacktem Oberkörper umringen sie und sie treibt mit bis zu deren Ziel am Flussufer. Der lokale orthodoxe Pope wirft ein Holzkreuz in die kalten Fluten. Als die Männer ihm hinterher hechten, schließt sich Petrunija spontan an. Sie erwischt das Kreuz als erste, und ein Streit um Rollenvorstellungen und Traditionen entbrennt. Einer Frau ist es – so die Sitte – nicht gestattet, an diesem Ritual teilzunehmen.

Sie wird zunächst inhaftiert, aber ein juristisch haltbarer Haftgrund liegt nicht vor. So entfaltet sich der Konflikt in einem Plot voll unerwarteter Wendungen, in der die Polizei, der Mob junger Männer in Pogromstimmung, eine Reporterin mit feministischen Ansichten, der Priester und die Eltern der jungen Frau die standfeste Petrunija bearbeiten.

Weitere Preise der kirchlichen Jury gingen an „Buoyancy“ (Regie: Rodd Rathyen) und „Erde“ von Nikolaus Geyrhalter. Für „Midnight Traveler“ von Hassan Fazili gab es eine lobende Erwähnung. „Buoyancy“ ist eine Geschichte über moderne Sklaverei. Der 14-jährige Chakra will seiner Familie armer Feldarbeiter in Kambodscha entkommen und heuert bei einer Vermittlung für Fabrikarbeiter an. Da ihm das nötige Geld fehlt, wird er auf ein Fischerboot gebracht, wo er und seine Leidensgenossen unter grausamen, tief entwürdigenden Bedingungen Zwangsarbeit leisten müssen.

„Erde“ ist ein Dokumentarfilm über Großbaustellen in aller Welt – etwa den Tunnel durch die Alpen am Brenner, eine Baustelle in Kalifornien, wo ganze Gebirgszüge eingeebnet werden, um Großbauprojekte im Zuge der Urbansierung der Region zu ermöglichen, aber auch die Lagerung von Atommüll in der Asse und die zunehmende, seinerzeit unterschätzte Gefahr der Überflutung der Salzstöcke. Ein eindringlicher Film über den Eingriff des Menschen in Landschaft und Ökosysteme.

„Midnight Traveler“ ist das mit drei Handykameras gedrehte künstlerische Reisetagebuch des afghanischen Regisseurs Hassan Fazili, der mit seiner Frau und zwei Töchtern über Iran und die Türkei die sogenannte Balkanroute nimmt und schließlich nach jahrelangem Versuch endlich in Deutschland ankommt. Es bricht einem das Herz, die Kinder auf diesem Weg leiden zu sehen – nicht zuletzt unter menschenunwürdiger Unterbringung in Lagern an Europas Grenzen und an rassistischer Gewalt in Rumänien.

Die Internationale Jury unter Vorsitz von Juliette Binoche folgte offenkundig neben filmkünstlerischen auch gesellschaftspolitischen Gesichtspunkten, als sie dem Film „Synonyme“ den Goldenen Bären verlieh – übrigens der erste Film eines israelischen Regisseurs, Nadav Lapid, dem diese Ehre zuteil wurde (siehe hierzu auch Seite 15). Die Identitätsnöte eines jungen Israeli, der in Paris ein neues Leben als Franzose beginnen möchte, rühren an aktuelle Notlagen, antisemitische Bedrohung, Kriegstraumata, die Unsicherheit des Staates Israel, repressive Tendenzen dort und Identitätsprobleme der jungen Generation, die sich daraus ergeben. Von jüdischer Seite gab es auch Kritik an der verzweifelten Figur, die sich nicht mit ihrer Herkunft versöhnen kann.

Die Begründungen der Ökumenischen Jury finden Sie unter: www.inter-film.org

Roland Wicher ist Pfarrer der Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf in Berlin-Lichterfelde und Koordinator der
Ökumenischen Jury bei der Berlinale.

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