There’s no Plan(et) B!

Schülerstreik Klima
„Die Zeit rennt, ihr pennt“ steht auf den Transparenten der Schüler*innen. Sie wollen Druck machen bei Politiker*innen und Erwachsenen. Foto: Tschepe-Wiesinger




Weltweit streiken Schülerinnen und Schüler derzeit für eine bessere Klimaschutzpolitik. Auch die Evangelische Schule Berlin-Friedrichshain ist mit dabei.

Von Nora Tschepe-Wiesinger

„Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut!“ hallt es über den Platz am Invalidenpark. Sie sind laut und sie sind viele: Rund 20000 Schülerinnen und Schüler sind an diesem Freitag zur Klimaschutzdemo in Berlin gekommen. Hier, zwischen Wirtschafts- und Verkehrsministerium, wollen sie Druck machen auf die politischen Entscheidungsträger in den Ministerien. „Wir fordern eine radikale Verkehrswende, den Kohleausstieg bis 2030 und die Einhaltung des Pariser Klima-Abkommens“, ruft Luisa Neubauer ins Mikrofon. Sie erntet tosenden Beifall. 2015 hatte sich die internationale Staatengemeinschaft in Paris darauf geeinigt, die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen. Bisher ist zu wenig passiert, finden die demonstrierenden Schülerinnen und Schüler.

Die 22-jährige Studentin Luisa Neubauer gilt als der deutsche Kopf der Bewegung „Fridays for Future“. Seit drei Monaten gehen weltweit ­Tausende Schülerinnen und Schüler freitags während der Schulzeit auf die Straße, um für eine bessere und drastischere Klimapolitik zu protestieren.

„Wir machen das für unsere Zukunft“, sagt die 11-jährige Cora. Sie besucht die 6. Klasse der Evangelischen Schule Berlin-Friedrichshain. Die Schule nimmt zusammen mit dem stellvertretenden Schulleiter Benjamin Bedorf einmal im Monat gesammelt an den Demonstrationen teil. „Demokratische Teilhabe steht in jedem Rahmenlehrplan“, sagt Bedorf. „Was gäbe es da besseres, als den Unterrichtsstoff direkt in die Tat umzusetzen und demonstrieren zu gehen?“

Bedorf und seinen Kolleginnen und Kollegen ist aber wichtig, dass die Teilnahme an den Demonstrationen freiwillig ist. Aus den Jahrgangsstufen vier, fünf und sechs sind diesmal etwas mehr als die Hälfte der Schülerinnen und Schüler mitgekommen. Der Rest ist in der Schule geblieben und macht regulären Unterricht.

„Wenn der Planet unter Wasser steht, können wir nicht mehr leben. Wir sind die Generation, die ausbaden muss, was die Erwachsenen und Politiker verbockt haben“, sagt Schülerin Cora sehr direkt. Diese Worte aus dem Mund einer 11-Jährigen zu hören, macht betroffen und nachdenklich.

„100 Prozent erneuerbare Energien sind machbar!“
„Das ist gut“, findet Christian von Hirschhausen, Wirtschaftswissenschaftler an der Technischen Universität zu Berlin. Er ist einer von 12000 Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, die sich zum Bündnis „Scientists for Future“ zusammengeschlossen haben und die Schülerbewegung unterstützen. Auch Hirschhausen wird an diesem Freitag deutlich: „100 Prozent erneuerbare Energien sind technisch machbar. Danke, dass ihr die Politik und die Wissenschaft treibt!“, ruft er den demonstrierenden Schülerinnen und Schülern zu.

Diese wollen so lange weiterdemonstrieren, bis die Politik sich äußert und ihren Forderungen etwa nach einem Kohleausstieg nachkommt. „In drei Monaten sind wir unglaublich gewachsen, jede Woche wird über uns berichtet, aber realpolitisch haben wir bisher nichts erreicht“, sagt Luisa Neubauer.

Nicht nur in Berlin, auch in 220 anderen Städten fanden am vergangenen Freitag deutschlandweit Kundgebungen statt – darunter auch Eberswalde, Luckenwalde, Görlitz und Potsdam. Weltweit gingen Schüler in 123 Ländern auf die Straße.
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Bundeskanzlerin Angela Merkel hätten das politische Engagement der Schüler zwar gelobt, aber darüber hinaus sei wenig passiert. „Wir lassen uns nicht tot loben. Wir wollen bessere Klimapolitik und werden den Druck so lange erhöhen, bis etwas passiert“, sagt die 15-jährige Klima-Aktivistin Franziska Wessel vom Werner-von-Siemens-Gymnasium in Berlin-Zehlendorf.

Neben dem Druck auf die Politik ist Neubauer und Wessel aber auch wichtig, auf den persönlichen Konsum hinzuweisen. Sie nennen Punkte, mit denen jede und jeder etwas zum Klimaschutz beitragen kann: den eigenen Plastikverbrauch reduzieren, weniger Auto fahren, kein Fleisch essen.

„Ich fahre mit dem Fahrrad zur Schule und bin Vegetarierin“, sagt die 11-jährige Cecilia, die ebenfalls Schülerin an der Evangelischen Schule Berlin-Friedrichshain ist. Von der Politik wünscht sie sich mehr Verbote, etwa, dass kein Gemüse im Supermarkt mehr in Plastik verpackt werden darf. Greta Thunberg sei ihr Vorbild, sagt Cecilia.

Greta Thunberg als Vorbild
Die 16-jährige Schwedin Greta Thunberg hatte die weltweiten Demonstrationen im August 2018 mit einem Sitzstreik vor dem schwedischen Parlament begonnen. Bei der UN-Klimakonferenz im polnischen Katowice forderte sie Schülerinnen und Schüler dazu auf, freitags statt zur Schule für den Klimaschutz auf die Straße zu gehen. „Greta fährt 30 Stunden lang mit dem Zug statt zu fliegen“, sagt Cecilia beeindruckt. Im Januar war Thunberg aus Schweden mit dem Zug zum Weltwirtschaftsforum nach Davos/Schweiz ­angereist.

Die Schülerinnen und Schüler im Invalidenpark meinen es ernst. „Wir wollen keinen Weltuntergang“ steht auf ihren Plakaten, „There is no Plan(et) B“ (Es gibt keinen Plan(eten) B) oder „I’d rather be in school but if I am, you’re not listening“ (Ich wäre liebe in der Schule, aber wenn ich hingehe, hört ihr nicht zu).

Die Bewegung war zuletzt nicht nur gelobt worden, sondern erhielt auch Widerspruch. CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer und FDP-Spitze Christian Lindner hatten die Schülerinnen und Schüler kritisiert, dass sie während der Schulzeit demonstrieren.

Benjamin Bedorf von der Evangelischen Schule Berlin-Friedrichshain findet solche Kritik unangebracht. „Würden die Schülerinnen und Schüler am Samstag demonstrieren, bekämen sie nur halb so viel Aufmerksamkeit von Medien und Politikern“, sagt er. Andere Lehrer zeigen weniger Unterstützung. Viele Schülerinnen und Schüler bekommen unentschuldigte Fehltage aufgeschrieben, weil sie wegen der Demo nicht zur Schule gehen.

Bedorf will seinen Schülerinnen und Schülern hingegen ermöglichen, so lange an den Demonstrationen teilzunehmen, bis sich einzelne Politiker konkret zu einer Verbesserung der Klimaschutz-Politik äußern. „Es geht uns als evangelische Schule auch um die Bewahrung der Schöpfung“, sagt er.

Nach den Kundgebungen im Invalidenpark zieht der Zug der demonstrierenden Schülerinnen und Schüler weiter bis zum Kanzleramt. Auf Höhe der Friedrichstraße stehen Autos in den Seitenstraßen im Stau, die Demo blockiert die Weiterfahrt. Cora, Cecilia und ihre Klassenkameraden werden laut: „Fahrt Fahrrad statt Auto“, rufen sie den Fahrern zu. „Es geht um unsere Zukunft!“

Greta kommt! Am nächsten Klimastreik am Freitag, 29. März in Berlin wird auch die Aktivistin Greta Thunberg teilnehmen. Los geht es 10 Uhr am Invalidenpark in Berlin-Mitte.

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