Studentengemeinde als Ersatzheimat

International Student Christian Fellowship Cottbus“
Die Cottbuser Studierenden Essomo Serge Essomo, Lookman Issa, Olugbemiga Ojumu, Lily Hasbani und Claudio Gutarra (von links) mit Studentenpfarrer Reinhard Menzel (hinten rechts) vor der Oberkirche in Cottbus. Foto: Uli Schulte Döinghaus

 

 

In der „International Student Christian Fellowship Cottbus“ sind christliche Studierende der Universität aus aller Welt vereint

Von Uli Schulte Döinghaus

Plack. Plack. Plack. Ein, zwei Minuten klackte es vor der Seepyramide im Branitzer Park wie aus Knallfröschen. Einer nach dem anderen hatte einen Ring aus Daumen und Zeigefinger gebildet, ein junges, frisches Laubblatt darübergelegt und mit der flachen Hand darauf geklatscht. Unter Druck gaben die Blätter nach und es knallte wie Peitschenhiebe.        

Das ist eigentlich nicht der Rede wert, aber: Es ist faszinierend, dass junge Menschen aus aller Welt diesen uralten Kindertrick kennen. Ein globaler Knalleffekt – ausprobiert von Studierenden der Studentengemeinde Cottbus, die sich zu Christi Himmelfahrt nach einem Gottesdienst in der Oberkirche zu einem kleinen Ausflug in die Pückler’sche Parklandschaft aufgemacht haben.           

Die Studentengemeinde Cottbus versteht sich als ökumenisch, international und sozial engagiert: „Hier triffst du Christen aus der ganzen Welt und vielen verschiedenen Kirchen“, heißt es einladend auf der Internetseite. Konfessionen, Bekenntnisse und Denominationen sind unerheblich. In der kleinen Ausflugsgruppe zu Himmelfahrt waren Protestanten, Katholiken und Syrisch- Orthodoxe dabei, alle um die 25 Jahre alt.                     

Jeden Montagmorgen versammeln sich Mitglieder der Studentengemeinde zum Gebet im „Raum der Stille“ der Universität. „Aber Sie dürfen sich unseren christlichen Alltag nicht als unablässiges Beten und Super-Frömmigkeit vorstellen“, sagt einer aus der Runde. Ihr Christentum bestehe vielmehr darin, sich in der Gemeinschaft der internationalen Studentinnen und Studenten zu ermuntern und aufzurichten, wenn es nötig ist. Man hilft einander, weitet die eigenen Perspektiven und macht sich auch für Menschen stark, die ihr soziales Engagement gebrauchen können, aktuell im Rahmen eines Spendenprojekts der Christ - lichen Studentenbewegung Indiens (CSM India).        

Nach einem Spaziergang verharrt die Gruppe einen Augenblick vor der Seepyramide, der Grabstätte des Fürsten Hermann von Pückler- Muskau (1785–1871). Aber die Aufmerksamkeit gilt weniger dem Andenken des legendären Landschaftsarchitekten als einer dicken Bisamratte, die sich am Ufer zu schaffen macht. Die Studierenden werden sich nicht darüber einig, ob sie niedlich oder abstoßend ist.                      

In gebührendem Abstand verteilen sie sich auf Treppenstufen. Es gibt ein Picknick, Zeit für Selfies mit begrünter Pyramide im Hintergrund und Gespräche. Die Gruppe ist sich einig: Wenn es keine christlichen Studentengemeinden gäbe, müssten sie sofort gegründet werden. Diese Gemeinschaften sind angewandte Willkommenskultur, sie sorgen für Heimat und Integration.               

Wie fast alle internationalen Studierenden kam auch Essomo Serge Essomo aus Kamerun als ahnungsloser Fremder nach Cottbus, allein und vielleicht ein bisschen heimwehkrank. Schnell fand er Anschluss in der „International Student Christian Fellowship Cottbus“, der Studentengemeinde. „Regelmäßig laden wir ein, um von den Regionen, Gesellschaften und Kulturen zu berichten, in denen wir aufgewachsen sind“, sagt Essomo, der auch eine Zeit lang als Sprecher und Organisator der Cottbuser Gruppe fungierte. Der feste Kreis umfasst etwa 30 Studierende, viele kommen ab und zu.                         

Für alle Studierenden wird es am 19. Juni einen Nigeria-Abend geben. Überschrift: „Unity and Faith, Peace and Progress“, Einheit und Glaube, Frieden und Fortschritt. Ein Themenabend „Was wird aus der Lausitz?“ geht voraus, der verspricht, zugleich kleinteilig-deutsch und global- exemplarisch zu werden. Denn viele der ausländischen Frauen und Männer, die sich in Cottbus unter dem Dach der Studentengemeinde versammelt haben, sind Masterstudierende des renommierten Studiengangs „Environmental and Resource Management“ (Umwelt- und Ressourcenmanagement), in dem auch immer wieder die braunkohlebedingten Umweltprobleme der Lausitz zur Sprache kommen.                            

Studierende wie Olugbemiga Ojumu, Lookman Issa oder Essomo Serge Essomo haben in ihren afrikanischen Heimatländern bereits Ingenieurwissenschaften oder Architektur studiert, bevor sie an die Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus–Senftenberg (BTU) kamen. Wenn sie in ihre Heimatländer zurückkehren, sind ihre beruflichen Chancen nicht schlecht. Lookman aus Nigeria traut sich sogar zu, eines Tages Umweltminister zu werden. Er konzentriert sich in Cottbus auf die Notwendigkeit, Ökologie und Ökonomie zu verschränken. Für Essomo stehen Fragen der internationalen Entwicklung im Vordergrund. Darauf weist auch der Umstand hin, dass er Stipendiat der Evangelischen Entwicklungshilfeorganisation „Brot für die Welt“ ist.                         

Lily Hasbani studierte Architektur in Damaskus, bevor sie nach Cottbus kam. Nun schließt sie ihre akademische Ausbildung im englischsprachigen Master-Studiengang „World Heritage Studies“ an der BTU ab – in der Erwartung, damit eines Tages einen herausfordernden Job in einer der großen internationalen Kulturinstitutionen wie der Unesco zu finden. Ein schöner Zufall will es, dass die überzeugte syrisch-orthodoxe Christin an diesem Nachmittag ausgerechnet vor dem Welterbe- Kandidaten „Branitz-Park“ über ihr Fachstudium berichtet.               

Schließlich Claudio Gutarra: Der einzige deutsche Muttersprachler an diesem Nachmittag hat teilweise peruanische Wurzeln und studiert Gesangspädagogik an der Fakultät für Soziale Arbeit, Gesundheit und Musik. Er sei in und um Cottbus sehr begehrt, sagt Claudio und grinst: „Ich bin der einzige Tenor der BTU.“

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