Ort der Stille

Die geöffnete Elisabethkirche: „Wir haben sehr schlichte Sätze des Klagens, Fragens und der Fassungslosigkeit gefunden.” Foto: Thekla Wolff

 


Die Gemeinde am Weinberg öffnete am vorigen Wochenende die St.-Elisabeth-Kirche zum Gedenken an die Opfer des Unfalls in der Invalidenstraße in Berlin-Mitte. Auch diesen Freitag lädt sie zu einer Andacht ein

Von Sibylle Sterzik

Freitagabend erschüttert eine Nachricht die Menschen der Stadt Berlin und verbreitet in Windeseile Entsetzen und Trauer. Ein Porsche SUV rast auf den Gehweg in der Invalidenstraße, schleudert in eine Fußgängergruppe, knickt einen Ampelmast an der Ecke Ackerstraße um, durchbricht einen Bauzaun und bleibt zerstört in einer Baulücke liegen. Ein Kleinkind (3), dessen Oma (64) und zwei Passanten im Alter von 28 und 29 Jahren werden getötet. Die Insassen des Porsche, der Fahrer (42), seine Mutter und ein sechsjähriges Kind werden verletzt. Wie es zu dem Unfall kam, wird noch geklärt.

Feuerwehr forderte ­Notfallseelsorge an
Um 19.09 Uhr geht der Notruf bei der Feuerwehr ein. 40 Feuerwehrleute und ein großes Aufgebot der Polizei begeben sich an den Unfallort. Die Feuerwehr informiert auch die Notfallseelsorge, deren Bereitschaftsnummer Tag und Nacht besetzt ist. „Wir brauchen Notfallseelsorger“, so die Bitte der Feuerwehr. Die Kollegin, die Bereitschaft hat und die Einsätze koordiniert, ruft Notfallseelsorger und Pfarrer Matthias Motter an, der in der Nähe wohnt, im Pfarrhaus an der benachbarten Zionskirche. Er ist schon bei vielen Einsätzen dabei gewesen und eigens dafür ausgebildet.

Er wird an diesem verhängnisvollen Abend die Einsatzleitung für die psychosoziale Notfallversorgung übernehmen. „Außer mir waren noch fünf Seelsorgerinnen und Seelsorger vor Ort, aus der evange­lischen und der katholischen Kirche und vom Kriseninterventionsteam der DLRG.“ Zuerst musste Einsatzleiter Matthias Motter klären, „wo Betreuungsbedarf besteht“. Eine Kollegin stand sofort der Mutter des Kindes und den Familienangehörigen zur Seite, bis in die Nacht hinein. Andere begleiteten die Passanten, die Augenzeugen geworden waren und auf die Befragung durch Kriminalbeamte auf dem Polizeiabschnitt nebenan warten mussten. Die Notfallseelsorger standen allen Betroffenen zur Verfügung, bis sie allein nach Hause gehen konnten oder von Freunden abgeholt wurden.

Der Unfall ereignete sich direkt neben dem Gemeindebüro der Gemeinde am Weinberg. Noch am selben Abend öffnete das Gemeindebüro in der Invalidenstraße 4a die Türen. „Freitagabend wurden hier weinende Menschen getröstet“, sagt Thekla Wolff vom Kultur Büro Elisabeth. In den Gemeinderäumen fanden die Menschen Zuflucht, etwa ein Dutzend wurden hier einzeln betreut. Die Einsatzkräfte der Feuerwehr nutzten den Gemeindesaal für eine erste Einsatznachsorge-Besprechung, eine entlastende Krisenintervention, bevor auch diese tapferen Männer und Frauen nach Hause gingen.

Am nächsten Morgen saß das Pfarrteam der Kirchengemeinde am Weinberg zusammen. „Der Unfall bewegt die Menschen im Kiez, sagten wir uns. Wir wollten hier einen Raum zum Trauern und für das stille Gedenken öffnen“, erzählt Pfarrer Motter. Zwei der Opfer wohnten im Gemeindegebiet.

Türen der Kirche geöffnet
Für Samstagabend, 17.30 Uhr, hatte ein breites Bündnis von Bürgervereinen zu einer Mahnwache aufgerufen. Über 500 Menschen kamen, trauerten, forderten ein Umdenken in der Verkehrspolitik und legten Blumen an der Unfallstelle nieder. Die Menschen standen auf der Straße, saßen auf dem Bürgersteig. „Wir beschlossen, um 18 Uhr die Türen der St.-Elisabeth-Kirche zu öffnen“, sagt Thekla Wolff. „Damit die vielen Menschen einen Ort des Gedenkens und der Stille finden.“

In Windeseile wurde Hand in Hand eine Andacht vorbereitet, persönlich weitergesagt und per Twitter und andere soziale Medien für 19 Uhr dazu eingeladen. Das Kulturbüro bereitete den Kirchraum vor, stellte Stühle, schaffte Technik herbei. Alle Pfarrer beteiligten sich an der Offenen Andacht: Christine Schlund, Dörte Kramer, Michael Reinke und Matthias Motter, diesmal in seiner Funktion als Gemeindepfarrer. Etwa 50 Menschen aus dem Kiez nahmen daran teil, darunter Familienangehörige und Freunde der Opfer.

Worte des Klagens und des trotzigen Dennoch
„Wir haben sehr schlichte Sätze des Klagens, Fragens und der Fassungslosigkeit gefunden und des trotzigen Dennoch an Gott Festhaltens“, berichtet Matthias Motter. Etwa den Vers aus Psalm 39: „Ich bin verstummt und still und schweige fern der Freude.“ Um einen Tisch mit vier Kerzen für jeden getöteten Menschen standen die Teilnehmenden. Wer wollte, konnte eine Kerze dazu stellen. Eine Frau spielte dazu Musik auf der Violine. „Es war sehr bewegend“, sagt Pfarrer Motter. „Viele bedankten sich für diese Möglichkeit, ihre Gefühle vor Gott zu bringen und hier zusammensein zu können.“ Das sei „ein wichtiger Dienst der Kirche an der Gesellschaft“, fügt Motter hinzu.

Am nächsten Tag kam das Kulturbüro kurzerhand mit der Singakademie zu Berlin überein, die Veranstaltungen zum Tag der Offenen Tür abzusagen und öffnete die St.-Elisabeth-Kirche zum Gedenken. „Viele Menschen liefen von der Unfallstelle weiter zur Kirche. Von 10 bis 20 Uhr kamen Menschen hierher. Überall im Kirchpark saßen Leute und redeten“, erzählt Thekla Wolff. „Immer wieder ist das so in diesen Tagen, dass die Menschen hier ins Gespräch kommen.“ Daher soll die St.-Elisabeth-Kirche auch von Donnerstag bis Sonntag von 10 bis 19 Uhr zum Gedenken geöffnet bleiben. Am Freitag, dem 13. September, um 19 Uhr findet eine Andacht statt.

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