Organe spenden – ja oder nein?

Eine Entscheidung über die Organspende sollte gut überlegt sein. Wichtig ist es, die Angehörigen mit einzubeziehen. Foto: Joris van Caspel / istockphoto.com
Von Sabine Hoffmann, Martina Gern und Notger Slenczka

Winken und Jubeln bis zur Landung

Von Sabine Hoffmann

Hätte man einen Partner, der unbedingt zum Mond fliegen will, der allen Warnungen zum Trotz das wagt, was sich kaum einer traut: Würde man da mehr Stolz und Bewunderung für ihn hegen oder lähmende Angst haben?

Mein Freund Frank Dühmert traute sich. Nicht die Reise zum Mond. Er stimmte einer Herz- und Lungentransplantation zu. Er tat das nicht, weil er in die Hall of Science kommen wollte. Er wollte nur weiterleben. Wollte noch erleben, wie seine Tochter Abitur macht, noch einmal in den Garten seiner Mutter fahren und am Oder-Havel-Kanal sitzen. Mit der „Bauer-Lüdemann-Jacke“, die er seit Jahrzehnten nur im Garten trug.

Für einen gesunden Menschen sind das keine großen Ziele. Für ihn war es das Optimum. Seit seiner Jugend war er lungenkrank. Er hatte ein Lungenemphysem und einen Lungenriss. Und ich sollte ihm helfen. Beim Überleben. Mein Freund fragte mich, ob ich ihm bei einer Transplantation zur Seite stehen würde. Für einen Platz auf der Transplantationsliste ist mit entscheidend, ob es Menschen gibt, die die Patienten intensiv begleiten. Meine Antwort lautete: Ja. Ich ahnte nicht, was auf mich zukam. Meine Rolle war klar. Ich war das Wesen, das an der Raketenabschussrampe mit dem Taschentuch winkt und ihn jubelnd in die Arme nimmt, wenn das Unternehmen erfolgreich absolviert war.

Entgegen allen Prognosen kam der Start kurzfristig und die Wartezeit betrug nur acht Tage. Schon diese kurze Zeit grenzte an ein Wunder. Ich war beim Einchecken im Spaceshuttle Deutsches Herzzentrum Berlin dabei und lächelte dem Astronauten aufmunternd zu. Die Mondexpedition brachte reichlich Komplikationen, aber die Techniker und Operateure bekamen alles in den Griff.

Nach der Landung war ich zur Stelle und starrte ungläubig auf Schläuche, Geräte und einen komplett verkabelten, an Maschinen hängenden Mann. So hatte ich mir die Landung nicht vorgestellt. Phönix aus der Asche sah anders aus. Anscheinend verzögerte sich die reale Landung um einiges. Die Pflegerinnen und Pfleger taten so, als ob dieses fremdgesteuerte Menschlein das Normalste der Welt sei. Sie redeten mit ihm, obwohl klar war, dass das eine sehr einseitige Unterhaltung sein würde.

Wenn die das können, dachte ich, dann kann ich das auch. Für Panik blieb mir gar keine Zeit. Man redete auf mich ein und erklärte mir die piepsenden Geräte und Infusionsautomaten. Mein Freund lag sehr lange auf der Intensivstation, weil vieles nicht so glatt lief, wie es sollte. Der schönste Augenblick für mich war, als ich ihn besuchte, er die Augen öffnete und meine Hand drückte. In diesem Moment durchströmten mich so viele Glückshormone. Es war unbeschreiblich. Da wusste ich: Er ist endlich gelandet.

Lange konnte er noch nicht sprechen, weil er beatmet werden musste. Die Lunge „zierte“ sich. Das Herz lief wie ein Schweizer Uhrwerk. Ich wusste manchmal nicht, was er wollte, und fühlte mich hilflos. Das Einzige, was ich wusste, war: Er will das hier alles überstehen. Er hat dieser komplizierten Operation nicht zugestimmt, um zu sterben. Er wollte leben!

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