Ohne Liebe ist alles nichts

Liebe
Bewohner vom Seniorenzentrum Ulmenhof der Stephanus Wohnen und Pflege gGmbH in Berlin, aufgenommen im Jahr 2015. Foto: Jürgen Blume/epd




Den Valentinstag haben nicht die Floristen erfunden. Er ist ein bei katholischen Christen fest verankerter Gedenktag zu Ehren des Heiligen Valentin, der am 14. Februar 269 hingerichtet wurde. Er traute Paare heimlich nach verbotenem christlichen Ritus. Liebenden soll er Blumen geschenkt haben. Auch Protestanten feiern Gottesdienst am Tag der Liebenden. Aber was ist eigentlich Liebe?

Von Susanne Breit-Keßler

„What’s love but a second hand emotion“, singt Tina Turner. Was ist Liebe schon außer einem abgenutzten Gefühl aus zweiter Hand. Eine Frau, die jahrelang von ihrem ersten Ehemann malträtiert wurde, muss das wohl so sehen. Anders die Neuseeländerin Kim Casali, die die putzigen „Liebe ist ...“ Cartoons zeichnete. Süß oder bitter? Liebe kann beides sein. Vor allem ist sie ein wunderbares Geschenk, das Verzicht bedeutet und Arbeit macht.

Wer ehrlich liebt, verzichtet auf seinen Selfie-Ego-Trip. Der Jüngling Narcissus, erzählt die antike Sage, war so schön, dass er sich in sein eigenes Spiegelbild verliebte, das ihm aus einer Quelle entgegensah. Fortan versuchte er vergeblich unter Wehe rufen sein Bild im Wasser zu umarmen. Narzissten: Menschen, die ganz auf sich selbst bezogen sind und voller, auch erotischer, Eigenliebe stecken.

Das soll vor Liebesleid bewahren, das in Beziehungen immer droht. „Je mehr einer liebt, desto verwundbarer wird er“, meint der Theologe Jürgen Moltmann. Liebe braucht Stärke. Niemand kann ehrlichen Herzens lieben, ohne mit sich grundsätzlich im Einklang zu sein. Lieben kann nur, wer auch vermag, mit sich alleine glücklich und zufrieden zu sein. „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ bezeichnet Jesus als eines der beiden größten Gebote.

Kafka hat in einem Brief an die Geliebte geschrieben: „Liebe ist, dass du mir das Messer bist, mit dem ich in mir wühle.“ Einseitig, ja. Aber Liebe ist nicht ohne Schmerzen zu haben – dabei braucht der andere nicht willentlich zu ver - letzen. Individuen, die sich liebend begegnen, stoßen an Grenzen – an die des anderen, an die eigenen. Liebe erträgt, glaubt, hofft und duldet alles, sagt Paulus. Setzt voraus, dass es allerhand zu ertragen, glauben, hoffen und dulden gibt.

Gott ist Liebe, Liebe ist göttlich. Gott wird gemartert, Liebe bekommt Fußtritte. Die Liebe stirbt, Gott mit ihr. Umzubringen ist er nicht. Die Auferstehung des wahren Menschen und wahren Gottes ist ein Fanal für die Dauer der Liebe. Wie das umzusetzen ist im Alltag? Erich Fromm hat es trefflich beschrieben. Wahre Liebe braucht Menschen, die Abhängigkeit und narzisstische Allmachtsgefühle überwinden. Wer liebt, sorgt sich um das Leben und Wachstum anderer Menschen.

Das starke, zarte Geheimnis der Welt ist Liebe. Gott ist Liebe. Aber nicht jede Liebe ist göttlich. Was ist der himmlische Maßstab für unsere Liebe? Liebe ist nicht „ich will“, sondern Hingabe. In der Liebe ist man außer sich und ganz beim anderen. Wunderbarerweise gewinnt man dabei ungeahnte Nähe zu sich selbst. „Nenn mich Geliebter, und du taufst mich neu“, sagt Romeo zu Julia. Wer geliebt wird, wird zum Menschen. Liebe verspricht neues Sein: „Wenn ich nur dich habe, so frage ich nichts nach Himmel und Erde“ (Psalm 73, 25).

Liebe: Das ist Frömmigkeit, Liebe zu Gott. Liebe als Lust, der Eros. Liebe als Nächstenliebe, die Agape. Sie alle sind Facetten der göttlichen Liebe. Und ohne Liebe ist alles nichts. Ich kann festen Glauben haben. Ich kann über außergewöhnliche Fähigkeiten oder großes Wissen verfügen. Wenn ich keine Liebe habe, ist das nichts wert. „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen“ (1. Korinther 13,13). Ohne Liebe ist alles nichts.

Darum kann enttäuschte Liebe in Verzweiflung stürzen. Gloria Gaynor, die jeder im Plattenschrank hat, der schon einmal unter schwerem Liebesentzug gelitten hat, singt: „I will survive. I’ve got all my life to live, I’ve got all my love to give.“ Das ist eine Perspektive zum Weiterleben. „Mensch, ich will trotz allem, was mich plagt, überleben! Ich habe mein ganzes Leben zu leben!“ Dafür braucht es andere, die einem helfen, Kränkungen zu ver - arbeiten. Es braucht Menschen, die neue Sympathie ins Spiel bringen.

„Die Liebe ist eine Himmelsmacht“, heißt es in der Operette „Der Zigeunerbaron“ von Johann Strauß. Oder tiefgründiger: „Denn Liebe ist stark wie der Tod und Leidenschaft unwiderstehlich wie das Totenreich. Ihre Glut ist feurig und eine Flamme des Herrn“ (Hohelied 8, 6). Eine Flamme des Herrn – keine, die verzehrt, sondern eine, die Kraft gibt. Liebe ist keine fromme Harmlosigkeit: „Komm, Heiliger Geist, erfülle unsere Herzen und entzünde in ihnen das Feuer deiner Liebe!“ Man lernt lieben, indem man geliebt wird und sich lieben lässt.

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