Offener Brief

Predigerseminar, Offener Brief, Cina Wang Qishan, Schlosskirche
Mit Kreide verteilen die Vikarinnen und Vikare ihre Protestsprüche vor der Thesentür der Schlosskirche, im Schlosshof und entlang der Straße vor der Schlosskirche. Foto: Fabian Mederacke

 


Offener Brief an die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD), das Bundesland
Sachsen-Anhalt, die Lutherstadt Wittenberg und die evangelische Schlosskirchengemeinde Wittenberg

Wir als Vikarinnen und Vikare des Evangelischen Predigerseminars Wittenberg bitten die Evangelische Schlosskirchengemeinde, die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD), die Stadt Wittenberg und das Land Sachsen-Anhalt um Stellungnahme:

Am 1. Juni 2019 besuchte der Vizestaatspräsident der Volksrepublik China Wang Qishan die Stadt Wittenberg. Im Rahmen dieses „Privatbesuchs“ fand eine Besichtigung der Schlosskirche statt. Flaggen Sachsen-Anhalts, der Bundesrepublik, der EU und der Volksrepublik China in doppelter Ausführung säumten dabei den roten Teppich, der durch die Thesentür in die Kirche führte. Während dieses Besuchs waren sowohl der Schlosskirchplatz als auch die Kirche weder für Gebet noch für Besichtigung zugänglich.

Als Theologinnen und Theologen sind wir empört!

1. Staatsflaggen gehören nicht vor eine Kirchentür! Wir lehnen die Vereinnahmung kirchlichen Raums als Kulisse politischer Inszenierungen strikt ab.

2. In einem Gotteshaus ist jede und jeder willkommen. Keinem Menschen gebührt es, dafür extra einen roten Teppich ausgerollt zu bekommen!

3. Kirche ist mehr als nur ein historisches Gebäude. Gerade in Ostdeutschland sollte Kirche sensibler gegenüber Vereinnahmung und Machtausübung durch autoritäre Regime sein. Welchen Eindruck von protestantischer Kirche vermitteln wir dem chinesischen Vizestaatspräsidenten, wenn nur das Gebäude gezeigt, aber nicht die christlichen Werte vertreten werden? Wir verweisen hier stell­vertretend auf die verfolgten Glaubensgeschwister in China (1131 Neuinhaftierungen 2017/2018, Quelle: OpenDoors). Weder sie noch andere Minderheiten wie die Uiguren haben die Möglichkeit oder das Recht, ihre Meinung frei zu äußern.

Kritische Meinungsäußerungen vor der Kirche und im Schlosshof wurden vor dem Besuch in vorauseilendem Gehorsam entfernt. Polizeibeamte verschafften sich Zutritt zu den Räumen des Evangelischen Predigerseminars Wittenberg und beschlagnahmten ein Banner mit der Aufschrift „Stop persecuting our Brothers and Sisters!“ („Beenden Sie die Verfolgung unserer Brüder und Schwestern!“). Die rechtliche Grundlage dieses Vorgehens ist erklärungsbedürftig.

Als deutsche Staatsbürger und Staatsbürgerinnen sind wir empört!

1. Wie kann es sein, dass unser Grundrecht auf freie Meinungsäußerung nur so lange gilt, bis ein Repräsentant eines autoritären Regimes zugegen ist?

2. Wir stellen infrage, ob die Polizei sich rechtmäßig Zutritt zum Evangelischen Predigerseminar Wittenberg verschafft hat.

3. Wir halten das schweigende Übergehen der Menschenrechtsverletzungen in China durch Repräsentanten von Kirche und Politik für unverantwortlich!

Die Vikarinnen und Vikare des Evangelischen Predigerseminars Wittenberg: Claudia Diese, Sebastian Gebauer, Manfred Kiel, Anja Kirschner, Philipp Körner, Sebastian Kreß, Franziska Matzdorf, Fabian Mederacke, Lydia Pietsch, Robert Rehm, Franziska Rotte, Lennart Schirr, Jonathan Schmidt, Meik Schmidt, Sven Schmidt

 

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Kommentar von Matthias Albrecht |

Vielen Dank für diesen offenen Brief. Da kann ich mich den Unterzeichnern nur anschließen. Ich hoffe es gibt eine Antwort der in den Kirchen Verantwortlichen, sowie eine Aufklärung des Polizeieinsatzes.

Kommentar von Felix Doepner |

Ich teile die Empörung der Vikare und Vikarinnen - als Pfarrer (i.R.) und als deutscher Staatsbürger. Ich kann es gar nicht begreifen, dass sich die EKD und die Schlosskirchengemeinde so verhalten haben. Welcher Zwang steckt dahinter. Und das Vorgehen der Polizei ist rechtswidrig - das sollte man anklagen.
Felix Doepner

Kommentar von Dr. Gertrud Gumlich |

Ich verstehe und begrüße Ihren Protest

Kommentar von Sabine Hoffmann |

Gut, dass Ihr Vikare diesen Protest organisiert habt. Bleibt weiter so wach und mutig. Das braucht unsere Kirche!

Kommentar von Uta Wendel |

Was ist los in Wittenberg (ausgerechnet ...) und in unserem Land? Wie kann man sich für eine demokratiefeindliche Politik dermaßen missbrauchen lassen? Das bereitet mir wirklich Sorge. Auf die Stellungnahme der Kirche und der Landespolitik bin ich gespannt.
Umso erfreulicher finde ich die Couragiertheit der neuen Pfarrer-Generation. Das lässt hoffen! Weiter so! Ich unterstützte Ihren Protest.

Kommentar von Wolfgang Banse |

Meinungsfreiheit sollte gegeben sein, so0 auch was angehende Pfarrerinnen und Pfarrer betrifft Die Kirche beansprucht ür sich ein Wächteramt inne zu haben. Dem entsprechend sollte auch agiert und reagiert werden.Als ein 11 jähriges Mädchen im Bezirk Reinickendorf im Bezug auf Mobbing ihrem Leben ein Ende setzte(Suizid), war von der Superintendentin, und Synodal in des Kirchenkreises Reinickendorf Generalsuperintendentin des Sprengel Berlin, dem derzeitigen amtierenden Propst Stäblein, der Präses der EKD und Synodal in der EKBO Dr. Schwaetzer , sowie dem doch amtierenden Bischof der EKBO Dröge kein Statement zu hören, geschweige denn zu lesen.Unterschiedliche Behandlungen im Bezug auf Menschen sind und werden immer wieder erfahrbar.