Obama, der Christ

Obama Kirchentag
Abbildung: booblgum/123rf (Grafik Gebäude); Montage: Halke

 


Barack Obama verkörpert für viele in der heutigen Zeiten eine tiefe Sehnsucht nach Wahrhaftigkeit und Glaub­würdigkeit. Zur aktuellen Politik äußert er sich spärlich. Geht es aber um das Thema Glaube und Religion, spricht er mit Leidenschaft. Am 25. Mai ist Barack Obama beim Kirchentag in Berlin zu Gast. Markus Springer wandert ein paar Schritte auf dem Lebensweg des ehemaligen US-Präsidenten zurück und erzählt von Obamas religiöser Entwicklung. 

Von Markus Springer

„Amazing Grace“ – vielleicht war es dieser Moment im Juni 2015, der klarer als manches andere auf den Punkt brachte, wer Barack Obama ist. Millionen Menschen weltweit hat es bewegt, wie der US-Präsident nach einer Trauerrede für die Opfer eines Terroranschlags auf eine Kirche in Charleston dieses Kirchen- und schwarze Volkslied anstimmte. Ein junger weißer Rassist hatte in der Bibelstunde um sich geschossen, Pfarrer und acht weitere schwarze Gemeindeglieder ermordet. Auf der Trauerfeier sprach der Präsident. Er sprach wie ein Prediger in einer „Black Church“ – immer wieder unterbrochen von den Amen-Rufen der 6000 Menschen.

„Es war eine Tat, die – so glaubte er (Anm. d. Red.: der 21-Jährige Attentäter) – Angst, Anschuldigungen, Gewalt und Misstrauen säen würde. Eine Tat, die – so meinte er – die Gräben vertiefen würde, die bis zur Erbsünde unserer Nation zurückreichen“, sagte Obama mit Blick auf die Sklaverei. „Aber Gott arbeitet auf wundersamen Wegen. Gott hat andere Ideen.“ Dann stimmte Obama „Amazing Grace“ an. Den Text des Kirchenlieds verfasste vor mehr als 200 Jahren John Newton, ein britischer Seemann, der sich vom Sklavenhändler zum Gegner der Sklaverei wandelte. 1995, als Barack Obama seine politische Karriere begann, schrieb er seine erste Autobiografie „Dreams from My Father“. Obama hat das Buch als „eine Art Meditation des Rassenthemas“ bezeichnet. Ein ganzes Kapitel darin widmete er seiner Kirche und wie er zum christlichen Glauben kam.

Obama war 23, als er 1985 – inspiriert von der Bürgerrechtsbewegung – als Sozialarbeiter für Kirchen in der schwarzen und armen „South Side“ von Chicago anfing. Seine Aufgabe: Programme entwickeln zur Berufsberatung für Arbeitslose, zur Nachmittagsbetreuung von Schülern, Hilfe bei Behördengängen. Immer wieder hätten ihn die Pastoren gedrängt, sich zum Glauben zu bekennen, weil das seine Arbeit glaubwürdiger erscheinen lasse. Aber so einfach wollte es sich der junge Obama nicht machen.

Sein Vater stammte aus einer muslimischen kenianischen Familie, seine Mutter aus einer christlichen. Die Religion ihrer Elternhäuser praktizierten beide nicht. Nach drei Jahren ließen sich Obamas Eltern scheiden, seine Mutter ging nach Indonesien in die Entwicklungshilfe. Dort heiratete sie erneut. Auch Obamas Stiefvater war säkularer Moslem. Obama besuchte eine katholische Schule, ging mit seiner Mutter auch in Moscheen und buddhistische Tempel, so wie sie zuvor in den USA in Kirchen gegangen waren: Ihr Sohn sollte einen möglichst weiten Horizont erhalten, Ehrfurcht vor den Weltreligionen und der Schöpfung lernen.

Von seiner Mutter habe er sich die Skepsis gegenüber allen religiösen Absolutheitsansprüchen bewahrt, sagte Obama später. Glaube müsse immer auch Raum für Zweifel bieten. Als Obama mit dem Studium beginnt, spielt Religion in seinem Alltag noch keine Rolle. Doch dann, in der South Side Chicagos, verbringt er „unglaublich viel Zeit mit ,Church Ladies‘ zwischen 50 und 60“, wie sich Obama in einem Interview erinnert hat. Das blieb nicht ohne Folgen. Nicht zuletzt durch sie habe er den Wert und die lebendige Tradition der schwarzen Kirche kennen und lieben gelernt.

Barack Obama besuchte regelmäßig die Gottesdienste in der Trinity United Church of Christ. 1988 folgte er im Gottesdienst einem „Altarruf“ von Pfarrer Jeremiah Wright und bekannte vor der Gemeinde, er übergebe fortan sein Leben dem Herrn und Heiland Jesus Christus.

2004 ging Obamas Stern im ganzen Land auf. Der Senator der Demokraten wurde immer populärer – und immer heftiger angefeindet. Mit Erdrutschsiegen gewann Obama erst die demokratischen Vorwahlen, dann die Wahl zum US-Senat in seinem Heimatstaat. Der Slogan seiner Kampagne stammte aus einer Predigt, die Trinity-Pastor Jeremiah Wright 1990 gehalten und die Obama nachhaltig beeindruckt hatte: „The Audacity of Hope – Die Kühnheit der Hoffnung“.

Barack Obama ist ein charismatischer Redner. In einem Interview hat er das in einen kirchlichen Kontext gestellt. Manchmal schielten Prediger auf ein „Amen“ der Gemeinde. Doch es gebe Momente, in denen der Geistliche aus einer tieferen Quelle heraus spreche, sagte Obama auf die Frage nach dem Heiligen Geist. „Wenn ich selbst vor Menschen spreche und ich sage etwas Wahres, dann spüre ich eine Kraft, die aus diesen Worten kommt, die anders ist, als wenn ich nur schlagfertig oder clever bin.“

Herkunft und Religion – seit er die landesweite politische Bühne betrat, haben seine Gegner immer wieder die Identität Barack Obamas infrage gestellt und angegriffen. „Birthers“ heißen in den USA jene, die öffentlich bezweifeln, dass Obama auf dem Territorium der USA geboren und damit zur Präsidentschaft berechtigt war. Sie sind der Ansicht, Obama habe sich nur für seine politische Karriere taufen lassen und sei in Wahrheit Moslem, der an der Islamisierung der USA arbeite. Anders als seine Geburtsurkunde hat Obama einen Taufschein nie veröffentlicht.

Aus seiner Amtszeit ist bekannt, dass er jeden Tag mit der Lektüre eines spirituellen Texts aus der Bibel oder der Tradition begonnen hat. Beim „Nationalen Gebetsfrühstück“ 2011 sagte Obama: „Mein christlicher Glaube hat sich für mich als tragende Kraft erwiesen in diesen letzten Jahren, und dies umso mehr, als Michelle und ich immer wieder erfahren, dass unser Glaube infrage gestellt wird.“ Doch weder Obamas öffentliche Bekenntnisse noch öffentliche Kirchgänge konnten am Verbreitungsgrad der alternativfaktischen Überzeugungen über ihn rütteln. Auch sein Auftritt beim Deutschen Evangelischen Kirchentag in Berlin wird das vermutlich nicht ändern.

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