Non-Stop-Gottesdienst gegen Abschiebung

100 Tage Gottesdienst Den Haag Abschiebung
Die armenische Asylbewerberin Hayarpi ­Tamrazyan (rechts) kommt mit der Sprecherin ­Florine Küthe zum Gottesdienst in die Bethel-­Kapelle in Den Haag. Foto: Peter Dejong/AP/dpa




Durch ein ungewöhnliches Kirchenasyl von knapp 100 Tagen in der Bethel-Kirche in Den Haag/Niederlande
konnte eine armenische Familie vor der Abschiebung bewahrt werden

Von Marina Mai

Vielleicht war es der längste Gottesdienst, den es jemals gab. Nach fast 100 Tagen endete in der Bethel-­Kirche im niederländischen Den Haag letzte Woche ein Dauergottesdienst. Tag und Nacht hatte die evangelische Gemeinde seit dem 26. Oktober 2018 Gottesdienst gefeiert. Nicht um im Guinnes-Buch der Rekorde zu stehen. Die Gemeinde um Organisator Theo Hettema, den 53-jährigen Vorsitzenden des protestantischen Kirchenrates der Niederlande in Den Haag und Dozent für Theologie an der Universität Amsterdam, hat damit – erfolgreich – eine armenische Familie vor der Abschiebung gerettet.

Die Familie hielt sich während der gesamten Zeit in der Bethel-­Kirche auf. Nach dem Willen der Behörden in den Niederlanden sollte sie abgeschoben werden. Anders als in Deutschland wird in den Niederlanden ein Kirchenasyl von den Behörden nicht prinzipiell respektiert. Aber nach niederländischem Recht ist es der Polizei untersagt, während eines Gottesdienstes in eine Kirche einzudringen. Deshalb feierte die Gemeinde Non-Stop-Gottesdienst. Am 30. Januar hatten die Behörden schließlich eingelenkt.

Es ist eine kleine Backsteinkirche im westlichen Stadtzentrum von Den Haag, aus der drei Monate lang unentwegt Gebete, Gesang und Orgelmusik drangen. Fast 700 Pfarrer aus den ganzen Niederlanden sowie aus Deutschland, Frankreich und Belgien wechselten sich mit dem Gottesdienst ab. Auch katholische Kollegen halfen. Von „Gottesdienstschichten“ spricht der in Wien erscheinende „Standard“ in einer Reportage vom Dezember. Er zitiert Pfarrer Derk Stegeman, einen der Akteure: „Wir wechseln uns ab – wie bei einem Staffellauf.“ Nur dass bei diesem Dauergottesdienst kein Stab übergeben werde, sondern eine Kerze.

Es geht um Familie Tamrazyan, Christen aus Armenien. Die Eltern und ihre drei Kinder im Alter von 15, 19 und 21 Jahren waren vor neun Jahren aus politischen Gründen in die Niederlande geflüchtet. Ihr Asylantrag wurde im Sommer allerdings in letzter Instanz abgelehnt. Warum, das wollten weder die Familie noch die Behörden öffentlich erläutern. Die Familie nicht, weil das ihrer ­Sicherheit schaden könnte. Und für die Behörden verbietet das der ­Datenschutz. Kirchenvertreter Theo Hettema sagte dem in Hamburg ­erscheinenden Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“, für die ­Familie ginge es um Leben und Tod.

Online-Kurs und Prüfung in der Kirche

Auch in Interviews mit Medien, die während der drei Monate dem Dauergottesdienst eine große Aufmerksamkeit schenkten, sprachen die Tamrazyans nicht über ihre Fluchtgründe. Die älteste Tochter Hayarpi twitterte jedoch aus der Kirche heraus. Sie spricht hervorragend Niederländisch und Englisch. Die Themen nahmen auf den Gottesdienst Bezug oder auf ihren Alltag.

Hayarpi schrieb während des Kirchenasyls Gedichte und zeichnete. Dadurch konnte man erfahren, dass Gemeindeglieder für die Familie, die das Kirchengelände nicht verlassen durften, einkaufen gingen. Ein Arzt und ein Physiotherapeut kümmerten sich um die fünf Personen. Frische Luft gab es auf dem ­Balkon oder im Garten des Kirchengeländes.

Die Studentin der Ökonometrie absolvierte zudem während des ­Kirchenasyls Onlinekurse für ihr Studium. Einer ihrer Dozenten von der Universität Tilburg nahm ihr in der Kirche sogar eine Prüfung ab. Dem „Standard“ erklärte die 21-jährige Hayarpi: „Wir sind hier aufgewachsen, das ist unser Zuhause. Hier leben unsere Freunde, hier spielt mein Bruder Fußball, und hier besuchen meine Schwester und ich die Universität.“

Gegenüber dem „Spiegel“ sprach Organisator Theo Hettema über die Motive der Hilfe: „Wir haben als ­Kirche die Pflicht, verantwortungsbewusst zu handeln. Wenn mein Nachbar in Not ist, muss ich ihm ­helfen. Wir kämpfen nicht gegen die Regierung, wir appellieren an sie.“ Dass das Kirchenasyl letztlich erfolgreich war, hat nichts damit zu tun, dass die Asylgründe der armenischen Familie noch einmal geprüft wurden. Vielmehr hatte die niederländische Koalition aus christdemokratischen und liberalen Parteien eine humanitäre Bleiberechtsregelung auf den Weg gebracht. Demnach dürfen rund 600 minderjährige Flüchtlinge und ihre Familien in den Niederlanden bleiben, wenn sie dort aufgewachsen sind, auch dann, wenn der Asylantrag abgewiesen wurde. Eine solche Regelung wurde in den Niederlanden seit langem von linken Politikern, Kirchen, Wissenschaftlern und Filmemachern gefordert. Doch die Koalitionspartner hatten sie abgelehnt, aus Angst, weitere Wähler an die Rechtspopulisten um Geert Wilders zu verlieren.

Dass der Dauergottesdienst zu einem Medienereignis wurde und Sympathie fand, mag zum Einlenken beigetragen haben. Theo Hettema sagt: „Wir sind sehr dankbar über die sichere Zukunft für Hunderte von Flüchtlingsfamilien.“

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Kommentar von Wolfgang Banse |

Gottesdienst feiern ist die eine Seite. Handeln die andere. Beides muss stimmig sein. Wort und Tat müssen eine Einheit bilden. was die Glaubwürdigkeit betrifft.