Martin Luther King jenseits der Mauer

Großer Andrang: Die voll besetzte Sophienkirche in Ost-Berlin. Foto: Martin Luther King Memorial Berlin Komitee

 

 

Vom 12. bis 14. September 1964 besuchte Martin Luther King das ­geteilte ­Berlin. Nach einer Predigt vor 20 000 Menschen in der West-Berliner Waldbühne reiste er auch in den Ostteil der Stadt und ­predigte in der überfüllten Marienkirche und in der Sophienkirche. ­Sabine Rackow, Markus Meckel und Michael Markus Schulz waren ­damals dabei.

Von Constance Bürger

Am 13. September 1964 macht sich Sabine Rackow auf den Weg von Berlin-Schöneweide, wo sie lebt, zum Alexanderplatz. Dort ist die 27-­jährige Chemikerin mit Freunden aus ihrer früheren Evangelischen Studierendengemeinde verabredet. Sie wollen in der St. Marienkirche ­Martin Luther King im Gottesdienst hören. Der US-amerikanische Bürgerrechtler und Baptistenprediger ist zu dieser Zeit auf dem Höhepunkt seiner Popularität: Wenige Wochen zuvor wurde per Gesetz die Rassentrennung in den USA aufgehoben; ­einige Wochen später wird verkündet, dass ihm der Friedensnobelpreis verliehen werden soll.

„Wir wurden an der Marien­kirche jedoch abgewiesen und sollten nach Hause gehen“, erinnert sich Sabine Rackow heute. Die Menschenmenge war unüberschaubar. Um 20 Uhr soll der Gottesdienst beginnen. Schon eine Stunde davor ist die Kirche überfüllt.

In der Marienkirche warten 1500 Menschen auf King
Sabine Rackow ist eine von etwa 3000 Menschen, die an diesem Sonntagabend auf Martin Luther King warten. Als der Bürgerrechtler ankommt, umringen sie das Auto, wollen ihn berühren oder ein Autogramm ergattern. Generalsuperintendent Gerhard Schmitt, leitender Kirchenvertreter für Ost-Berlin und Brandenburg, und Pastor Rolf Dammann, Generalsekretär des Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden in der DDR, begrüßen King.

In der Kirche harren 1500 Menschen aus, unter ihnen viele junge Menschen und auch Kinder, so wie der damals zwölfjährige Markus Meckel, späterer letzter Außenminister der DDR und Mitglied des Bundestags. Viele Erinnerungen an den King-Besuch hat er nicht mehr, dafür war er zu jung. Aber die volle Kirche und die vielen Menschen sind ihm gut im Gedächtnis geblieben. Nach dem Gottesdienst reicht Markus Meckel King vor der Kirche die Hand.

Der Besuch im damaligen Ost-Berlin war Kings erster und einziger hinter dem Eisernen Vorhang – für Michael Markus Schulz eine Besonderheit. Er ist Mitbegründer des ­Martin Luther King Memorial Berlin Komitees und selbst Zeitzeuge von 1964. „King besuchte die Front ­zwischen Ost und West, dort, wo der Kalte Krieg direkt aufeinanderprallte“, sagt er. Weder die evangelische Kirche noch der DDR-Staat hatten King offiziell nach Ost-Berlin eingeladen.

Jedoch waren die Baptisten aus den USA und Deutschland seit Jahrzehnten eng verbunden. Außerdem stand Heinrich Grüber, Propst der Marienkirche, seit 1963 mit King in brieflichem Kontakt. Er lud ihn nach Ost-Berlin ein, konnte jedoch selbst nicht an dem Gottesdienst teilnehmen: Seit August 1961 wurde ihm die Einreise in den Osten verwehrt. Eine Absage des Besuches stand im Raum.

Kirchenleitende Vertreter hatten Wochen zuvor diskutiert, ob der Gottesdienst stattfinden solle. ­Einige stimmten dagegen. Allen Warnungen zum Trotz übernahm Generalsuperintendent Gerhard Schmitt die Verantwortung für den Gottesdienst und die möglichen gesellschaftspolitischen Konsequenzen. Die Marienkirche war zu dieser Zeit ohne geistliche Leitung: Propst Heinrich Grüber durfte nicht einreisen, ein Pfarrer war geflohen, ein anderer saß im Gefängnis, weil er Menschen zur Flucht verholfen hatte.

Auf offizielle Einladung von Willy Brandt, Regierender Bürgermeister von West-Berlin, reist King im September 1964 nach West-Berlin. Das Programm umfasst mehrere offizielle Punkte: King trägt sich unter anderem in das Goldene Buch der Stadt Berlin ein und spricht bei der Gedenkfeier für den verstorbenen US-Präsidenten John F. Kennedy. Zum „Tag der Kirchen“, dem traditionellen Treffen der evangelischen Gemeinden Berlins, predigt King in der Waldbühne vor etwa 20000 Christinnen und Christen. Er hält hier die gleiche Predigt wie später in der Marienkirche und Sophien­kirche. Danach überreicht ihm Otto Dibelius, damaliger Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg, die Ehrendoktorwürde der Theologischen Hochschule Berlin.

In den Morgenstunden des 13. September kommt es zu einem Zwischenfall an der Berliner Mauer. Ein 21-Jähriger will von Ost-Berlin in den Westen fliehen, wird jedoch ­angeschossen. Ein US-Grenzsoldat riskiert sein eigenes Leben, um den Mann zu retten: Er klettert auf die Mauer, wirft ein Seil nach unten zu dem Angeschossenen und zieht ihn hoch. Damit die DDR-Soldaten sich zurückziehen, wirft er eine Tränengasgranate. US-Soldaten und West-Berliner Polizisten geben ihm Feuerschutz. Der Mann überlebt. Sobald Martin Luther King davon erfährt, eilt er zum Ort des Geschehens. Später besucht King den Angeschossenen im Krankenhaus. Kurz darauf entzieht ihm die US-Botschaft seine Ausweisdokumente. Denn die Befürchtung, dass es zu politischen Verwicklungen kommen könnte, ist groß. „Eine göttliche Fügung“, so ­Michael Markus Schulz, ermöglicht das Unmögliche: Die DDR-Grenzposten lassen Martin Luther King am Abend mit seiner American-Express-Kreditkarte als Ausweis­dokument am Checkpoint Charlie einreisen.

Viele DDR-Bürgerinnen und Bürger verehren King: Er kämpft mit friedlichen Mitteln gegen Unter­drückung und Ungerechtigkeit. Sie kennen ihn und die US-Bürgerrechtsbewegung aus westlichen Radiosendern und TV. Er gibt ihnen Hoffnung in einer Zeit, in der sie nur wenig davon spüren. Der Bau der Mauer ist drei Jahre her. Das Gefühl der Ohnmacht und Abgeschiedenheit bestimmt die Gefühlslage.

Seine Predigten in der Marien­kirche und Sophienkirche sind für die Anwesenden Trost und Ermutigung. King hält sie auf Englisch, der US-amerikanische Pfarrer Ralph Zorn, der sonst für GIs in West-Berlin predigt, übersetzt. Der Bürgerrechtler überbringt Grüße von den Brüdern und Schwestern aus West-Berlin sowie den USA. „Das schaffte eine Verbundenheit zu diesen Menschen“, sagt Michael Markus Schulz. King betont die Geschwisterlichkeit aller Menschen: „Hier sind auf beiden Seiten der Mauer Gotteskinder, und keine durch Menschenhand gemachte Grenze kann diese Tatsache auslöschen.“

King spricht über die Rassentrennung und den schwierigen Weg des Neuanfangs. Er erzählt von Rosa Parks und ihrem passiven Widerstand gegen die Unterdrückung der Schwarzen: Sie löste den 361 Tage währenden Busboykott in Montgomery aus, wodurch Rassendiskriminierung in den USA öffentlich wurde. Auch die Menschen in der DDR sind in einer Situation, die friedlichen ­Widerstand fordert, sagt King.

King ermutigt die Menschen zum friedlichen Widerstand
Er spricht von einem gemeinsamen Glauben: „Es gibt eine gemeinsame Menschlichkeit, die uns für die ­Leiden untereinander empfindlich macht. In diesem Glauben können wir aus dem Berg der Verzweiflung einen Stein der Hoffnung schlagen. In diesem Glauben werden wir miteinander arbeiten, miteinander beten, miteinander kämpfen, miteinander leiden, miteinander für die Freiheit aufstehen in der Gewissheit, dass wir eines Tages frei sein werden.“

„Mit seiner tiefen christ­lichen Überzeugung hat er uns Zuversicht gegeben“, sagt Markus Meckel. King wird für ihn eine zentrale Figur der Gewaltlosigkeit: Er stehe dafür, dass jede Bürgerin und jeder Bürger selbst aktiv werden muss, um Veränderungen auf den Weg zu bringen. Dies sei eine Orientierung für viele Menschen zu DDR-Zeiten gewesen, so Meckel.

Kings Appell für Gewaltfreiheit und passiven Widerstand begleiteten Michael Markus Schulz ein Leben lang. Der gebürtige Berliner demonstriert mit 300 jungen Menschen am Staatsfeiertag der DDR, dem 7. Oktober 1966, in der Karl-Marx-Allee gegen das Verbot von Populärmusik aus dem Westen. Für zwei Tage werden daraufhin alle inhaftiert.

1968 fährt er nach Prag zu den Demonstrationen. Dort singt er mit den Protestierenden „We shall overcome“, eines der prägenden Lieder der US-Bürgerbewegung rund um King. Als junger Mann verweigert er den Militärdienst sowie den Dienst als Bausoldat. Ihm drohen zwei Jahre Zuchthaus. Er flüchtete mit­­­ seiner Ehefrau in den Westen, hilft später auch anderen Menschen zur Flucht. Mittlerweile lebt er in Hamburg.

Für ihn ist King ein Friedensstifter. „Martin Luther King war unser großes Vorbild“, erzählt er heute. Am 13. September 1964 besucht er mit seiner Mutter den Gottesdienst in der Marien­kirche. Schon zwei Wochen vorher hat sein Pastor Rolf Dammann in der Bibelstunde der baptistischen Kirchengemeinde Bethel in Friedrichshain, an der auch Schulz’ Mutter teilgenommen hat, den Besuch angekündigt. Am nächsten Tag sagt er zu Schulz und den anderen Kindern im Religionsunterricht: „Haltet euch dieses Wochenende frei.“

2005 gründet Schulz gemeinsam mit Michael Schmitt, Sohn von ­Generalsuperintendent Gerhard Schmitt, das Martin Luther King Memorial Berlin Komitee. Sie wollen das Erbe von Martin Luther King weitergeben und insbesondere an seinen Berlin-Besuch erinnern. Sie informieren darüber auf ihrer Homepage, bieten eine Wanderausstellung an sowie Vorträge. Denn der Besuch in Ost-Berlin und seine Bedeutung sei den wenigsten Menschen überhaupt bekannt, so Schulz. An Orten, die Martin Luther King auf seiner damaligen Berlin-Reise besuchte, initiieren sie Gedenktafeln – so auch an der Sophienkirche.

Aufgrund des großen Andrangs beim Gottesdienst am 13. September 1964 in der Marienkirche kündigt Generalsuperintendent Gerhard Schmitt vor dem Hauptportal der Marienkirche spontan einen zweiten Gottesdienst für 22 Uhr in der Sophienkirche an. Sabine Rackow läuft mit ihren Freunden zu Fuß dorthin. „Wir waren begeistert, dass Martin Luther King auch nach Sophien kam“, erinnert sie sich heute. Gemeinsam mit mehreren jungen Menschen wartet sie in einer langen Schlange, um in die Kirche zu gelangen. Sie findet Platz auf der Empore; der untere Teil ist überfüllt.

„Seine Worte waren tröstlich.
Er hat uns ermuntert und ermutigt, nicht aufzugeben“, sagt Sabine Rackow. In der Sophienkirche schaut sie direkt auf King, blickt ihm ins Gesicht. Er bekräftigt sie durch seine Worte, entschlossen und mutig ihren Weg weiterzugehen. Sabine Rackow hatte gerade einen Neuanfang hinter sich. Nachdem sie zwei Jahre zuvor acht Monate im Stasi-Untersuchungsgefängnis in Berlin-Pankow und zwei Monate im Frauengefängnis in Berlin-Friedrichshain inhaftiert war, kam sie gerade aus Dresden, wo sie als Laborantin arbeitete, nach Berlin zurück. Trotz einiger Rückschläge hat sie es geschafft, ihren Berufswunsch zu verwirk­lichen und ihre Diplomarbeit in Chemie abzuschließen.

Martin Luther King Memorial Berlin Komitee, Michael Markus Schulz,
E-Mail: mlkmb@martin-luther-king-memorial-berlin.de, www.martin-luther-king-memorial-berlin.de
Sehenswert ist der Film „Der King Code – Martin Luther King Jr. in Berlin“ (Deutschland 2015).

 

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Kommentar von Wolfgang Banse |

Der Welt würde es gut tun, wenn es ein Martin- Luther Kind, ein Dietrich Bonhoeffer gäbe. Im weltlichen, wie im kirchlichen Bereich.I heave a dream - dies waren Worte des ermordeten Martin Luther King.Ich habe einen Traum...Heute 2019 ist der Traum von Gleichheit, Gerechtigkeit, Chancengleichheit, Frieden, Klimawandel, Inklusion, Kinder-und Altersarmut, Wohnungsnot, Obdachlosigkeit nicht nur in der Bundesrepublik- Deutschland, sondern weltweit ein zentrales, relevantes Therma, dass im Bezug auf die Menschheit, Kreatur Tier,die Erde friedlich und mit Nachdruck angefasst werden sollte.