Lieder der Friedlichen Revolution

Foto: epd



Gemeinsam mit Landessingwartin Cornelia Ewald haben wir Zeitzeug*innen gefragt, welches Lied sie in der Zeit der Friedlichen Revolution begleitet hat und warum es ihnen bis heute nicht aus dem Kopf geht.

Zwischen den Zeilen gelesen

Christian Rau:
Belehrungslied (1986)

Von Christian Rau

Bis zum Mauerfall verdiente ich mein Geld als Liedermacher. Unsere Gilde stand in dem Ruf, unbequeme Wahrheiten zwischen die Zeilen zu schmuggeln. Das Publikum wartete gespannt auf bestimmte Reizworte und reagierte mit dankbarem Applaus. Allerdings war klar, dass im Parkett auch die Berichteschreiber saßen. Also überlegte man sich gut, wie weit man gehen konnte, ohne ein Berufsverbot zu riskieren. 

Manchmal gab es trotzdem Ärger, etwa mit meinem „Belehrungslied“. Im Text hieß es ironisch: 
Als Kindergartenmusterkind kannst du dich frei entfalten. Der Schnabel und die Füße sind bei Tische still zu halten. Doch bitte iss die Nudeln auf, kau runter und werd’ fetter! Die Tanten legen Wert darauf, und besser wird das Wetter.
Und etwas weiter unten: 

Im Bürgerkundeunterricht stell nicht so viele Fragen! Erfülle deine Klassenpflicht im Lehrbuchtextaufsagen! Der Prüfungsstoff wird eingepaukt, da kannst du dich schön quälen. Und wenn’s auch nicht für’s Leben taugt, die Abschlussnoten zählen.

Ob in der Thomasschule oder während des Theologiestudiums in Leipzig, überall waren mir enge ideologische Grenzen aufgezeigt worden. 

Der Doktor und der Dorfgendarm, der Pförtner und der Leiter, die haben stets den längern Arm, die sehen einfach weiter. Du könntest andrer Meinung sein, doch klüger ist, du lässt es. Die kriegen dich ganz sicher klein und woll’n doch nur dein Bestes. 

Das haben sie uns beigebracht, beigebracht für’s Leben. Das wissen wir bei Tag und Nacht, das geht nie mehr daneben. Das passt in unsre Landschaft rein. Das brauchen wir zum Glücklichsein. Kommt, lasst uns einen heben!
Eines Abends nach dem Konzert schrillte bei mir zu Hause das Telefon. Die Veranstalterin bat mich, umgehend alle Texte einzureichen. Es gebe Beschwerden und man müsse abwarten, wohin sich das Ganze entwickle. Am Ende ging die Sache glimpflich aus. Einigen Jugendklubs wurde untersagt, mich einzuladen.

Mit der Wiedervereinigung fielen alle Barrieren weg, doch die Leute hatten nun ganz anderes im Kopf als ausgerechnet Liedermacherkonzerte.

Christian Rau war viele Jahre als Religions­lehrer an der Gemeinschaftsschule in Berlin-Friedenau tätig und ist nach wie vor als Liedermacher aktiv. Foto: privat

Christian Rau hat zum 30. Jahrestag der Friedlichen Revolution das Lied „Zusammenstehen“ komponiert, zu finden auf den Seiten der Landeskirche: www.ekbo.de/themen/30-jahre-friedliche-revolution/zeitzeugnisse/christian-rau-wendezeit.html


Sei Quelle und Brot

Bewahre uns Gott
Evangelisches Gesangbuch 171

Von Hans-Christoph Höck

Nach dem ersten Jahr im Pfarramt war ich als junger Pfarrer noch einmal für ein paar Tage in Wittenberg im Predigerseminar. Es war der Frühsommer des Jahres 1989.

Neben dem Wiedersehen mit einigen Kommilitonen aus den Jahren zuvor erinnere ich mich daran, dass wir das Lied „Bewahre uns Gott“ kennenlernten. Es stand noch nicht im Gesangbuch, und für uns war auch nicht absehbar, dass sich das ändern sollte. Ein Lied mit einer eingängigen Melodie und einem wunderbaren Text. Aber wann und wo zu singen?
Die Gelegenheit sollte sich schon sehr bald ergeben. Ende August wurde unser ältester Sohn in der Lübbener Paul-Gerhardt-Kirche getauft. Und wir durften als Taufeltern die Lieder aussuchen. Welche Worte kann man seinem Kind mit auf den Weg geben? „Sei mit uns auf unsern Wegen. Sei mit uns vor allem Bösen. Sei Hilfe, sei Kraft, die Frieden schafft.“ Gerade in den unruhigen Zeiten war das ein sehnlicher Wunsch, nicht nur für unsere Familie. Würde es friedlich bleiben in unserem Land? Es gärte ja schon mächtig.

Es war das erste Mal, dass dieses Lied in Lübben gesungen wurde. Der Text wurde auf Ormig hektografiert. Und der Orgelspieler hatte seine Freude an der Melodie und spielte sie zum Auszug der Gemeinde, sodass sie durch die offene Kirchentür bis auf den Marktplatz drang.

Eine Woche später habe ich in der Bernauer Marienkirche einen Gottesdienst gefeiert und die Tochter meiner Schwägerin getauft. Es war nur einen Monat vor dem 40. Jahrestag der DDR. Durfte ich 40 Jahre Sozialismus mit den 40 Jahren Wüstenwanderung des Volkes Israel vergleichen? Ich tat es in der Predigt.

Und dann: „Sei Quelle und Brot in Wüstennot“. Sicher hatten wir keine materielle Not zu leiden. Aber war unser Land nicht auf andere Weise ausgetrocknet? War die Unruhe im Land nicht wie ein Wetterleuchten am Horizont? Würde sich daraus ein Unwetter entwickeln oder ein erfrischender Regen, der aller neu begrünt?

Von „blühenden Landschaften“ wurde damals oft gesprochen, die in den Neuen Bundesländern entstehen sollten. Sicher haben sich viele vorgestellt, dass es gleich üppig würde wie in den Tropen. Und sie sind jetzt enttäuscht, weil es eben nicht so schnell ging. Aber aus einer Wüste einen Garten Eden zu machen, braucht halt seine Zeit. Und dieser ist uns ja auch nicht für hier und jetzt versprochen. Geistliche Quelle und geistiges Brot aber konnte und kann jetzt jeder finden, der danach sucht.

Hans-Christoph Höck war von 1988 bis 2016 Pfarrer in der Kirchengemeinde Lübben-Land.

 

Ohne Angst

Darum lasst uns alles wagen
(Text: Karl Marx, Melodie: Elke Westendorff)

Von Bernd Albani

Montag, 30. Oktober 1989: Wieder sind an die 3000 Frauen und Männer zur Fürbitt- und Informations­andacht in die Gethsemane-Kirche im Prenzlauer Berg gekommen. Vier Wochen zuvor hatten die Mahnwachen begonnen. „Wachet und betet – Mahnwache und Fürbitte für die zu Unrecht Inhaftierten“. Weithin sichtbar hing dieses Transparent über dem Kirchenportal.

Drei Wochen sind vergangen seit jenem 9. Oktober, als uns gegen Ende der Andacht die erlösende Nachricht aus Leipzig erreichte: Zehntausende Bürger demonstrieren auf dem Ring, die Sicherheitskräfte haben sich zurückgezogen. „Dona nobis pacem“ singend zogen wir mit Kerzen in den Händen nach draußen, viele mit Tränen in den Augen. Aus Fenstern der umliegenden Häuser grüßte uns das Licht der Kerzen.

Drei Wochen war das nun her. In diesen drei Wochen hatte sich in unserem Land mehr verändert als in den vorangegangenen drei Jahrzehnten. Die meisten der Verhafteten sind frei, Erich Honecker entmachtet, Hundertausende gehen Woche für Woche auf die Straße.

Ja, wir wussten, der Repressionsapparat von Polizei und MfS, der am „Republikgeburtstag“ auch im Umfeld unserer Kirche gewütet hatte, der war noch intakt – aber wir hatten die Angst verloren.

Montag, 30. Oktober. Fürbittandacht. Ich hatte Reinhard Schult gewonnen, mit uns zu singen. Reinhard, der Weggefährte, der Aufrechte, Bausoldat, Stasi-Haft, später in der „Kirche von unten“, Mitbegründer des Neuen Forum. Er sang mit uns „Darum lasst uns alles wagen“ – nach einem Gedicht des jungen Karl Marx aus dem Jahr 1835:
Darum lasst uns alles wagen, / niemals rasten, niemals ruhn. / Nur nicht dumpf so gar nichts sagen / und so gar nichts wolln und tun. / Nur nicht brütend hingegangen / ängstlich in dem niedern Joch. / Denn das Sehnen und Verlangen / und die Tat, die bleibt uns doch.

In meiner Ansprache zu Matt­häus 19,16-22 („Der reiche Jüngling“) hatte ich gesagt: „Die biblische Geschichte eines zwar erträumten aber nicht verwirklichten Aufbruchs höre ich als Warnung. Als Warnung vor der Illusion, dass ich alles auf einmal haben könnte: Freiheit, Mündigkeit, Selbstbestimmung und die Annehmlichkeiten des vormundschaftlichen Staates, der mich versorgt und viele meiner Probleme für mich löst.“

Vielleicht sollten wir auch heute – ab und an – in unseren Kirchen singen: „Darum lasst uns alles wagen …“

Bernd Albani war von 1989 bis 1995 Pfarrer der Gethsemanekirche in Berlin-Prenzlauer Berg.

 

Mit Wut, Trommeln und Gesang

Wär ich eine Rose
(aus Ungarn)

Von Michael Heinisch-Kirch

Eigentlich ein Lied aus Ungarn, aus der Demokratie-Bewegung dort … die Übersetzung wurde in unseren Kirchen im Jahr 1989 gern und oft gesungen – vielleicht kennen Sie es?

Ich erinnere zum Beispiel die täglichen Andachten in der Erlöser-Kirche in Berlin-Lichtenberg für die Opfer der Gewalt in China. Am 4. Juni 1989 wurde die Demokratisierungs-Bewegung von Studenten auf dem Pekinger Tian‘anmen-Platz durch die Kommunistische Chinesische Staatsführung mit brutaler Gewalt niedergeschlagen. Es gab hunderte Tote. Die DDR feierte dies öffentlich als Sieg.

30 junge Menschen schrieben einen Protest-Brief an die chinesische Staatsführung. Wir wollten den Brief persönlich bei der Chinesischen Botschaft vorbeibringen. Nach wenigen Metern wurden wir durch ungefähr hundert Stasi-Leute und Polizisten angegriffen, getreten und geschlagen, auf Lastwagen verladen und für einen Tag eingesperrt. Ich hatte neben Schürfwunden eine Gehirnerschütterung und landete im Krankenhaus.

Wütend fragten wir uns: „Wir leben in einem Land, in dem man für das Schreiben eines Briefes krankenhausreif geprügelt wird?“ Spontan gingen wir drei Tage lang in die Erlöser-Kirche und brachten unsere Solidarität mit den chinesischen Studenten durch Trommeln und gleichzeitiges Fasten über drei Tage und Nächte hindurch zum Ausdruck. Die Aktion sprach sich schnell in der Stadt und im Land herum. Bereits wenige Minuten nach Beginn waren Dutzende, später Hunderte Menschen da, die mitmachen und mitbeten wollten. Wir zündeten Kerzen an im Gedenken an die Opfer der Gewalt in China. Hier hallte unter anderem das Lied von der Rose – vom Aufblühen, von offenen Türen, von Widerstand und Gewaltfreiheit – durch das neogotische Kirchengewölbe.

Die ganze autoritäre Staatsmacht baute sich mit ihren Hundertschaften vor der Kirche auf. Sie provozierten, waren aber völlig machtlos gegen unsere Protest- und Solidaritätsaktion. Sogar einige offensichtlich als Stasi-Leute erkennbare Männer, die als Spitzel in die Kirche geschickt worden waren, konnten sich dem nicht entziehen, auch sie sangen das Lied von der Rose mit.

Das Trommelfasten wurde schließ­lich eines der Vorbilder des gewaltlosen Protests, der wenige Wochen später die Straßen in der DDR ergriff und zur Friedlichen Revolution führte. Das Wunder der Gewaltlosigkeit war spürbar. Denn – wie ein Leitender Offizier der Staatssicherheit in der Rückschau treffend zusammenfasste: „Wir waren auf alles vorbereitet, nur nicht auf Kerzen und Gebete.“ Und ich würde lediglich ergänzen: auf unsere Lieder ebenfalls nicht.

Michael Heinisch-Kirch arbeitete 1989 als Sozialdiakon bei der Stephanus-Stiftung. Seit 2013 ist er Vorstandsvorsitzender der SozDia Stiftung Berlin.

 

Völlig neuer Klang

Messias
(Georg Friedrich Händel, 1741)

Von Lothar Kirchbaum

Ich wurde im November 1952 in Berlin-Pankow geboren. Der Bau der Berliner Mauer ging an dem Zehnjährigen recht spurlos vorüber. 1989 war ich als Kirchenmusiker in den Berliner Gemeinden Galiläa und Samariter tätig.

Die Bedeutung der Friedens­arbeit in der Samaritergemeinde fand nach 1989 immer wieder hinreichend Erwähnung und Würdigung. Ich war natürlich involviert, dennoch galt mein stärkeres Interesse der Kirchenmusik und insbesondere der geistlichen Chormusik, die mein Leben bestimmte. Im November 1989 war ich mit der Einstudierung des „Messias“ von Georg Friedrich Händel beschäftigt.

Am Donnerstag, dem 9. November, hatte ich mit meinem damaligen Kammerchor um 20 Uhr eine Probe. Der Probenbesuch war an diesem Abend eher lückenhaft. Ich war, da ich noch keine Nachrichten gehört hatte, ahnungslos. Zu Beginn der Probe erfuhr ich von Schabowskis Pressekonferenz und dem später berühmt gewordenen Zettel. Nun war die Vermutung naheliegend, dass etliche Chorsänger*innen wohl an der Bornholmer Brücke zu finden sein würden.
Auch wenn es weder theologisch noch musikgeschichtlich haltbar ist, klangen mir manche der von Händel vertonten Texte im Zusammenhang mit den aktuellen Ereignissen plötzlich völlig neu:

Tröste dich, mein Volk. Redet freundlich (...) und predigt, (...) dass die Knechtschaft nun zu Ende (ist).
Das Krumme (macht) grad und das Rauhe macht gleich (...).

So spricht der Herr: (...) ich beweg den Himmel und die Erde, (...) die Menschheit erbebt. (...)

Das Volk, das da wandelt im Dunkel, es sieht ein großes Licht. Und die da wohnen im Schatten des Todes, ein strahlend Licht bescheinet sie. (...)

Hoch tut euch auf, ihr Tore der Welt. (...) Auf, zerreißet ihre Bande und schüttelt ab ihr Joch von uns (...).
Trotz des schlechten Proben­besuchs am 9. November und trotz stimmlicher Indisposition etlicher Chorsänger*innen (nach Bornholmer Jubelgeschrei) in der folgenden Probe: Es wurde eine schöne Aufführung in der Samariterkirche. Zu Beginn des Jahres 1990 lud uns Christian Finke aus Lankwitz dann zu einer Wiederholung der Aufführung in seine Lankwitzer Dreifaltigkeitskirche ein. Dieses erste „Westkonzert“ war für uns damals natürlich ein bewegendes Ereignis.

Lothar Kirchbaum war von 1994 bis 2016 Landessingwart der EKBO. Foto: privat

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