„Lasst euch doch nicht so zum Opfer machen!“

Die Wahlbeteiligung bei den Landtagswahlen in Brandenburg 2019 war höher als vor fünf Jahren. Foto: epd/Steffen Schellhorn



In vielen Orten fühlen sich Menschen abgehängt, wählten AfD. Wie gehen Gemeinden damit um?

Von Sibylle Sterzik

„Der Dorfladen ist weg, der Bus, der Fleischer, der Bäcker, die Polizei, alles was früher Sicherheit gab. Die Kinder sind fern, der Arbeit hinterher gezogen, alle Wurzeln verschwunden. Da kann ich den Frust verstehen und das Gefühl des Alleingelassenseins teilen“, sagt Pfarrer Ingolf Kschenka aus Jänschwalde.

Zu seinem Pfarrsprengel gehört Heinersbrück. Dort wählten am 1. September bei der brandenburgischen Landtagswahl 50,5 Prozent die Alter­native für Deutschland (AfD). „Eine ganz kleine Gemeinde“, berichtet er. Sechs bis acht ältere Personen sitzen sonntags bei ihm im Gottesdienst. Aber jedesmal danach habe er das Gefühl: Es hat sich gelohnt, Glaube, Liebe, Hoffnung anzusprechen. „Mittlerweile hat sich auch ein Kreis von Jüngeren gebildet. Wir sind gut im Gespräch.“ Wäre die Gemeindearbeit nicht, meint er, „hätten 60 Prozent die AfD gewählt“.

1983/84 wurde der Nachbarort Groß Lieskow abgebaggert, 255 Einwohner*innen umgesiedelt. Darüber durfte in der DDR weder geredet noch getrauert werden. Enttäuschung und Verbitterung säßen bis heute tief, sagt Pfarrer Kschenka. Trotzdem verherrlichen viele die DDR-Vergangenheit. Die Protesthaltung nach der Wende sei von den Linken auf die AfD übergegangen.

Den Trend könne die Gemeindearbeit nicht umkehren, aber das Gespräch mit den Menschen „offen halten“. Er frage die Leute nicht nach ihrem Parteibuch, auch nicht im Gemeindekirchenrat. In dem Gemeindekirchenrat habe er „ausgezeichnete Demokraten“ aus Heinersbrück. „Wir beurteilen die Leuten nicht danach, wen sie wählen, sondern danach wie sie ihre Ängste und Sorgen ausdrücken.“ Versöhnung, der kirchliche Auftrag, müsse aber über das Politische hinweg gehen.

Kschenkas Strategie: alle Menschen liebevoll ansprechen. Zuwendung und Nähe teilen. Die Kirche müsse aufpassen, dass sie ihre kulturelle Prägung nicht als absoluten Maßstab sehe. Auch in der Kirchenzeitung nehme er das wahr. „Dann verlieren wir die Menschen noch mehr. Das heißt aber nicht, dass wir ihnen in allem Recht geben.“

Aber bei ihnen sein und mit ihnen streiten könne er nur, wenn er ein Vertrauensverhältnis aufbauen könne. Dazu fehlen Zeit und Mitarbeitende. Wo früher zehn Pfarrer waren, sind es heute nur noch zwei. In Spremberg findet sich niemand für die freien Pfarrstellen, in Forst müssen sie bald neu besetzt werden. Das führe zu Überforderung und Verbitterung beim Pfarrpersonal.

Aber so deprimiert, wie das klinge, sei er gar nicht, versichert er. „Wir sollten als Christen dorthin gehen, wo es schwer ist.“ Manchmal könne man ein Fenster öffnen, manchmal müsse man die Situation einfach aushalten. Noch am Wahltag hat er in Grötsch, einer Insel im Tagebau, einen Gottesdienst unter freiem Himmel gefeiert.

Ortswechsel: In Hirschfeld im Landkreis Elbe-Elster wählten 50,6 Prozent die AfD. Schockiert sei er nicht, sagt Christof Enders, zuständiger Superintendent des Kirchenkreises Bad Liebenwerda in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland. Vermutlich hat er es erwartet. Aber das lese man natürlich gar nicht gern. Wie erklärt er sich das Wahlergebnis? Christof Enders Antwort erstaunt auf den ersten Blick. 50 Prozent der Einwohner sind evangelisch. In der Region Schraden, zu der Hirschfeld gehört, herrschten noch volkskirchliche Verhältnisse, erzählt er. Der Durchschnitt in seinem Kirchenkreis läge mit 20 Prozent viel niedriger.

Über die DDR-Jahre hindurch hätten die Hirschfelder sich ihr ­starkes Traditionsbewusstsein und einen Glauben bewahrt. Jetzt erlebten sie den Traditionsabbruch stärker als anderswo, vermutet er, und sieht darin einen Grund für das hohe Wahlergebnis der AfD. Die Hirschfelder zögen die menschenfeindlichen Parolen der AfD nicht wirklich ins Kalkül, im Grunde genommen hält Enders sie nicht für rechtsradikal. Das seien engagierte Leute, die sich für die Kirche einsetzen.

Es sei aber bekannt, dass es im Gemeindekirchenrat (GKR) Diskussionen gebe um Migranten. Der gerade verabschiedete Pfarrer habe sich klar gegen Fremdenfeindlichkeit positioniert. Dabei gebe es dort keine Probleme mit Fremden, weil es gar keine Migranten gebe, sagt Enders. Außer dem „Dönermann“ und dem Allgemeinmediziner im Nachbardorf habe da niemand einen Migrationshintergrund.

Die unsichtbare deutsche Grenze ist farblich sichtbar

Einen klaren Grund sieht der Superintendent in dem Gefühl der Hirschfelder, abgehängt zu sein. Da gebe es in der Landespolitik tatsächlich einiges zu kritisieren. Man dürfe nicht nur die großen Zentren fördern, sondern auch die Landgemeinden, die Infrastruktur nicht einfrieren. Und das Ostthema sei nicht erledigt. So vieles sei weggebrochen.

Vor allem sei das Ostthema nicht erledigt. Bei jeder zweiten sozialwissenschaftlichen Untersuchung sei das auf den Grafiken farblich noch sichtbar, sagt Superintendent Enders. Die Unterschiede zwischen dem Osten und Westen Deutschlands kann man da auf einen Blick erkennen. Dieses Thema dürfe man nicht der AfD überlassen, etwa mit Parolen wie „die Wende vollenden“.

Viele Gremien seien nicht oder kaum mit Ostdeutschen besetzt, auch in der Kirche. Dort müsse eine Quote gefordert werden. Im Präsidium des Ökumenischen Kirchentages Frankfurt/Main 2021 etwa habe es beispielsweise bis vor kurzem kein ostdeutsches Mitglied gegeben. Jetzt wurde jemand nachnominiert, sagt Enders, der zum Kirchentags-Landesausschuss der EMK gehört.

Der Superintendent findet, dass die Kirche stärker deutlich machen muss, „was die christlichen Grundwerte sind, die unsere Gesellschaft zusammenhalten“. Er wünscht sich, dass die gesellschaftlichen Player in den nächsten fünf Jahren stärker zusammenrücken. Nicht, um sich an der AfD abzuarbeiten, sondern um an den Inhalten zu arbeiten: Wie wollen wir zusammenleben?

„Ich finde diese Opferzuschreibung schwierig, wenn jetzt alle sagen: Ihr seid abgehängt“, sagt Eva-Maria Menard. Es gebe natürlich Erfahrungen von Verlust, Häuser stehen leer, Läden sind geschlossen. „Aber viele haben Großartiges in den letzten 30 Jahren geleistet. Darauf können sie stolz sein. Ich möchte ihnen am liebsten zurufen: Lasst euch doch nicht so zum Opfer machen!“ Nach der Wende wurden zum Beispiel in Wittenberge die ganze Industrie mit bis zu 9000 Arbeitsplätzen abgewickelt, Armut und Arbeitslosigkeit folgten, die Stadt war kaputt. Doch die Stadt hat ihr Leben wieder in die Hand genommen. Hat angefangen zu gestalten und der AFD relativ wenig Nährboden geboten. Die Superintendentin ist am Tag nach der Wahl froh, dass die AfD nur in drei Kommunen der Prignitz stärkste Partei wurde.

Gerade die Älteren, die betroffen sind, wenn der Bus nicht mehr so oft fährt und Fachärzte weiter weg sind, hätten der SPD die Treue gehalten, Jüngere dagegen, die mobil sind und einen Job haben, wählten die AfD.

Im Mitarbeiterkonvent am Mittwoch initiiert Menard eine aktuelle Stunde. Sie will die demokratische Streitkultur fördern, politische Themen debattieren und zulassen, was es an Meinungen gibt. „Viele schweigen, auch in der Kirche. Man sagt nichts, wenn man anderer Meinung ist, weil man sich nicht unbeliebt machen will“, sagt Menard. Sie möchte Menschen fähig machen zu argumentieren. Gute Erfahrungen hat sie da mit dem „Mobilen Beratungsteam Neuruppin“, das vor kurzem in Lenzen zu Gast war. „Sie argumentierten nicht moralisch, sondern strahlten Souveränität und Ruhe aus.“

Bischof Markus Dröge sprach auf Anfrage des epd von einem klaren Signal zum Dialog mit enttäuschten Bürgern und zur Problemlösung. Das hohe Stimmungsergebnis für die AfD sei „eine echte Problemanzeige für das Lebensgefühl in Brandenburg“.

 

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