Kirche ins Netz!

Kirche im Internet
Fotos: pixabay.com, Dietmar Silber

 

Kirche ohne Kommunikation? Undenkbar. Doch ob es einem gefällt oder nicht: Informations- und Meinungsaustausch spielen sich zunehmend in der digitalen Welt ab. Hat die Kirche in dieser bereits Fuß gefasst oder tastet sie noch mit zögerlichen Zehen nach festem Boden? Ingo Dachwitz, Medienwissenschaftler und Jugenddelegierter der EKD-Synode, übt Kritik. In seinen Augen vernachlässigt die Kirche die neuen Möglichkeiten und Notwendigkeiten. Im Titelkommentar versucht er ihr einen freundschaftlichen Schubser zu geben. 

„Was tun gegen den Hass im Netz?“, fragen sich momentan viele. Die größte europäische Netzkonferenz, die Berliner re:publica, macht sich in diesem Jahr beispielsweise unter dem Titel „Love out loud“ auf die Suche nach Antworten. Und die Kirchen? Bleiben merkwürdig teilnahmslos, sobald es um das Internet geht. Wo Gemeinden und Kirchenleitungen auf der Straße oder auf Papier entschlossen widersprechen, herrscht in den sozialen Medien oft Stille. Digitale Nächstenliebe? Fehlanzeige. Als habe das alles nichts mit uns zu tun.

Zwei Drittel der Deutschen und fast alle unter 30 sind laut einer online-Studie von ARD und ZDF ­jeden Tag online. Eine klare Trennung zwischen „analog“ und „digital“ gibt es dabei schon lange nur noch in den Köpfen mancher Beobachter. Kommunikation ist der Grundmodus der digitalen Gesellschaft. Menschen teilen, kommentieren, informieren und verarbeiten in den sozialen Medien. Dafür benutzen sie Plattformen wie Facebook, Twitter, YouTube oder Instagram, sie lesen und betreiben Blogs, vertiefen Themen in Podcasts und diskutieren in Foren. Die Menschen begegnen hier pausenlos Angeboten für Sinn und Gemeinschaft, aber kaum christlichen Gemeinden.

Dass die Kirchen heute immer noch nicht wahrnehmen, dass der digitale Wandel sie im Kern berührt, ist ein echtes Problem. Denn Kirche ohne Kommunikation – das geht gar nicht. Und Kommunikation ohne digitale Vermittlung – das ist für viele Menschen heute eben nur noch eine von vielen Varianten. Doch das Vorurteil, die Begegnung von Angesicht zu Angesicht sei irgendwie besser und substanzieller als alle Formen der digitalen Kommunikation, hält sich in kirchlichen Kreisen mit Vehemenz. Man hält es mit der Digitalisierung wie mit ­einem schönen Design für den Gemeindebrief: Kann man machen, muss man aber nicht.

Dabei vergessen viele, die heute noch auf einer Priorität des Face-to-Face beharren, dass sich die Kommunikation des Evangeliums immer schon auch medial vollzogen hat. Sind Paulus’ Briefe, Michelangelos Fresken, Luthers Flugschriften und Bachs Kantaten nicht auch Formen der Verkündigung? Wie der Medienwissenschaftler Jochen Hörisch feststellte, ist Jesus selbst als Medium (und gleichzeitig Botschaft) Gottes das beste Beispiel dafür, dass das Christentum von Beginn an eine Medienreligion war.

Woher kommt die Scheu vor den sozialen Medien? Ist es die Angst einer verunsicherten Kirche vor dem Feedback? Das Internet hebt die strikte Trennung zwischen Sendern und Empfängern auf. Die Angst vor dem „Shitstorm“ ist groß – weshalb die EKD Kommentare auf ihrem Youtube-Kanal lieber gleich untersagt. Doch das Netz ist keine Einbahnstraße, kein weiterer Kanal zur amtskirchlich-hierarchischen Verkündigung oder zum Vertrieb von christlicher Publizistik. Es ist ein ­lebendiger Ort, an dem Menschen Identitäten, Beziehungen und Weltsichten aushandeln. Während wir darauf warten, dass sie zu uns kommt, trifft sich die Gesellschaft, der wir die Liebe Gottes nahebringen wollen, heute längst nicht mehr nur auf dem Marktplatz, am Gartenzaun oder im Gemeindehaus, sondern auch in den Öffentlichkeiten des Netzes.

Dass darin eine große Chance liegt, hatte die EKD-Synode bereits 2014 feststellt: „Die Möglichkeiten des Internets für die Gestaltung des menschlichen Zusammenlebens und für die Kommunikation des Evangeliums entsprechen dem Selbstverständnis von Kirche als Koinonia, einer Gemeinschaft durch Teilhabe.“ Wie urevangelisch das ist, brachte der Journalist Hannes Leitlein in einem lesenswerten Artikel kürzlich auf den Punkt: „Erst durch die Digitalisierung wird ein protestantischer Kerngedanke technisch möglich: das Priestertum aller.“

Nur hat nie jemand behauptet, dass das Priestertum aller Gläubigen das Kirche-Sein einfacher ­machen würde. Als in einer großen Facebook-Gruppe zu Kirche und Social Media jüngst eine Pastorin um Rat fragte, wie sie mit dem „rechten Mist“ umgehen könne, den ein von ihr frisch vermählter Mann auf Facebook verbreite, empfahlen ihr viele Kirchenmenschen, den Kontakt einfach abzubrechen. Eine Facebook-Freundschaft ist schneller beendet als eine Kirchenmitgliedschaft. Aber kann das im Sinne der christlichen Kirche sein?

Bequemlichkeit ist kein reformatorischer Wert. Jesus lebte radikale Menschenfreundlichkeit vor und gab uns auf, die Liebe Gottes weiterzutragen. Wer sollte in den sozialen Medien für Humanität und Nächstenliebe eintreten, wenn nicht wir? Die Kirche als Organisation kann und muss dafür Rahmenbedingungen schaffen: Durch die Entwicklung gemeinsamer Strategien, durch Social-Media-Fortbildungen, durch das zur Verfügung stellen teilbarer Spruchbilder („Memes“) oder durch die argumentative Unterstützung mit institutionellen Accounts.

Denn wenn nicht Christinnen und Christen in den sozialen Medien das Evangelium kommunizieren, indem sie davon erzählen, es vorleben und im Diskurs mit anderen auslegen, verliert nicht nur unsere gute Nachricht, sondern auch die Kirche als ihr Medium weiter an gesellschaftlicher Bedeutung. Dabei muss Social Media gar nicht immer tiefgründig sein – ist das Gemeindeleben im Alltag schließlich auch oft nicht.

Ein Foto aus einer schönen Kirche vor oder nach dem Gottesdienst. Ein Gedanke, den man daraus mitnimmt und mit anderen teilt. Ein kirchliches Lied, das einen beschäftigt. Eine kurze Vorschau auf die nächste Predigt. Oder aber eben der im Evangelium begründete Widerspruch, wenn jemand gegen andere hetzt – und vielleicht ja auch eine Ein­ladung zum persönlichen Gespräch.

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