"Jeden Tag ändert sich etwas"

In dem Viertel rund um die Kirche von Liudmila Hernández leben viele sozial benach­teiligte Menschen. Foto: privat



Die Zukunft Kubas bleibt ungewiss, die Menschen sind verunsichert. Pfarrerin Liudmila Hernández ist für sie da 

Von Constance Bürger

Sie ist die erste reformierte Pfarrerin in Kubas Hauptstadt Havanna und eine der jüngsten im ganzen Land: ­Liudmila Hernández bringt seit etwa anderthalb Jahren neuen Schwung in die älteste und größte presbyterianische Gemeinde Kubas. Die gibt es seit 1890; 1906 wurde die Kirche, die Primera Iglesia Presbiteriana la Habana, gebaut. Hier gründete sich 1941 der Kubanische Rat der Kirchen, noch vor dem weltweiten Ökumenischen Rat der Kirchen. Ihn gibt es erst seit 1948. „Das bewegt uns noch heute sehr“, erzählte die 30-Jährige kürzlich bei einem Besuch in Berlin.

Dass sie als junge Frau gefragt wurde, die prestigeträchtigste Gemeinde Kubas zu übernehmen, überraschte auch Liudmila Hernández selbst. Erst 2014 wurde sie ordiniert. „Es musste Veränderungen geben, damit sich die Gemeinde mehr zu ihrer Nachbarschaft öffnet“, sagt sie. In ihr fand man dafür die richtige Person. Sie spazierte anfangs durch die Straßen des lebendigen, aber auch sozial benachteiligten Stadtteils „Havanna Zentrum“, dem am dichtesten besiedelten Teil Kubas. Ehemals China Town, sieht man kaum noch chinesisch-stämmige Kubaner auf den Straßen. Aber immer mehr Menschen zieht es vom Land hierhin in der Hoffnung auf bessere Jobs und Versorgung.

So entsteht ein, auch religiös, buntes Gemisch: Der Santería Cult, eine afrokubanische Religion verwoben mit katholischem Heiligenglauben, ist in der Nachbarschaft beliebt. Einige sind atheistisch. Die Mehrzahl sind Katholiken. Jedoch steht es um den Katholizismus auf Kuba ähnlich wie um die evangelische Kirche in Deutschland: Nur eine Minderheit der Mitglieder bringt sich aktiv ein, die meisten besuchen nur ein oder zwei Mal im Jahr den Gottesdienst, die Offenheit für Neues ist groß.

In Hernández’ Nachbarschaft sind viele Gebäude in einem miserablen Zustand, ganze Straßenzüge sind vermüllt. Ein großer Teil der Anwohnerinnen und Anwohner arbeitslos, nicht wenige flüchten sich in Alkohol. Viele ältere Menschen leben allein. Hinzu kommt die aktuelle Wirtschaftskrise: Die USA verschärften die Blockadepolitik.

Mehl, Zucker und Öl sind absolute Mangelware

Der wirtschaftliche und politische Kollaps von Kubas engstem Verbündeten und Handelspartner Venezuela macht sich auf der Insel deshalb noch stärker bemerkbar. Mehl, Zucker und Öl sind kaum noch zu bekommen. Hühnchen, Reis und Eier rationiert. Seit Anfang des Jahres stiegen die Preise enorm an. Der Staat verdoppelte im Juli den einheitlichen Monatslohn von umgerechnet etwa 20 auf 40 Euro, aber auch das reicht nicht zum Leben. Die Menschen sind verunsichert. Liudmila Hernández will für sie da sein.

Als erstes schloss sie die Türen der Kirche auf. Waren sie früher nur sonntags zum Gottesdienst geöffnet, so sind sie es mittlerweile täglich morgens und nachmittags. Am späten Nachmittag strömen insbesondere Kinder dorthin. „Wir dachten: Wenn sie um diese Uhrzeit auf der Straße spielen, können sie genauso gut auch bei uns der Kirche Gutes lernen“, sagt die Pfarrerin. Man renovierte die alte Bibliothek, stattete sie mit Computer und Internet aus – zu dem die Öffentlichkeit erst seit 2016 beschränkten Zugang hat. Es gibt eine offene Musikgruppe und verschiedene Bildungsangebote. „Bildung ist ein wichtiger Baustein der Gemeindearbeit“, sagt Hernández. Schulen in Kuba sind kostenlos. Aufgrund der schlechten Bezahlung mangelt es jedoch an Lehrer*innen.

„Wir wollen den Kindern bestimmte Werte im Leben mitgeben“, sagt die junge Frau. Solidarität gegenüber allen Generationen, gewaltfreie Kommunikation, Toleranz. „In unserem Land passiert seit einiger Zeit so viel. Jeden Tag ändert sich etwas.“ Sie will die Kinder begleiten. In den Gottesdiensten gibt die Jugend den Ton an, singt und musiziert ­kubanische Rhythmen.

Etwa 200 Frauen und Männer engagieren sich ehrenamtlich - die Kinder und Jugendlichen sind dabei nicht mitgezählt. Unter ihnen sind auch zwei Krankenschwestern, ein Arzt und ein Psychologe. Viele ältere Menschen aus der Nachbarschaft, die nur eine sehr geringe Rente erhalten, sind auf diese medizinischen Angebote angewiesen – das staatliche Gesundheitssystem ist zwar kostenlos, aber es gibt keine „Hausärzte“ und der Mangel an Medikamenten und Geräten beschränkt die Möglichkeiten einer Behandlung erheblich.

Als die Regierung im vergangenen Jahr die Bevölkerung dazu aufrief, an der neuen Verfassung mit­zuarbeiten und Veränderungsvorschläge einzureichen, brachte sich auch die Presbyterianische Kirche ein. Ihr leitendes Gremium – Liudmila Hernández ist die stellvertretende Moderatorin – entwarf ein 20-seitiges Papier. Die Verfassung wurde in diesem Jahr verabschiedet – aber viel verändert wurde am Entwurf trotz der Konsultationen nicht.

Auf die Frage, ob die Kirchen, die Menschen deshalb enttäuscht sind, antwortet Hernández: „Die meisten Menschen versuchen im Moment einfach nur zu überleben. Wir als Kirchen werden uns weiter einbringen, das ist wichtig – auch und gerade, wenn die Prozesse langwierig sind.“

Die dynamische Pfarrerin will den Menschen Mut geben, ihre Stimme zu erheben und Verantwortung zu übernehmen. „Wir dürfen nicht nur Forderungen an den Staat stellen, sondern wir als Gesellschaft müssen selbst Verantwortung übernehmen“, appelliert Liudmila Hernández an die Menschen. Und arbeitet weiter mit ihrer Gemeinde.

 

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