In drei Pinselstrichen eine ganze Zeit

Christus im fahlen Licht. Honoré Daumiers „Ecce homo“ ist sonst im Folkwang Museum Essen zu sehen. Foto: Stiftung Brandenburger Tor

Von Angelika Leitzke

„Enrichissez-vous“ - „bereichert euch“ diktierte der französische König Louis-Philippe jener Bourgoisie, die ihn 1830 auf den Thron brachte und durch ihn reich wurde. Auch ein Künstler profitierte von der „Juli-Monarchie“: Honoré Daumier. Mit seinen Presse-Karikaturen trat er gegen die Korruption eines Regimes an, das wirtschaftlichen Aufschwung brachte, die Bürgerrechte aber einschränkte und den Klassenkampf verschärfte.

Die Stiftung Brandenburger Tor widmet im Max-Liebermann-Haus in Berlin dem Grafiker, Maler und Bildhauer eine eigene Schau, die auch das selten gezeigte malerische Werk integriert – Liebermann nannte den Franzosen, dessen Werke er sammelte, ungeheuerlich, denn Daumier wurde nicht nur zum Ahnherrn der modernen Karikatur, sondern erinnerte mit seiner Kunst an eine wahrhaftige Humanität, die er durch die politisch-wirtschaftlichen Umstände seiner Zeit in Auflösung begriffen sah. Um so aktueller ist sein Werk heute, in Zeiten von Turbokapitalismus und Finanzkrise, welche die Kluft zwischen Arm und Reich vertiefen.

Zu geistig beschränkten Spießern degradiert

1808 in Marseille geboren, erlebte Daumier die politischen Umstürze seiner Zeit und nutzte das neue Medium der Lithografie, die Aktuelles schnell und preiswert wiedergab. 1816 kam er nach Paris, wo seine ersten Blätter die Aufmerksamkeit des Verlegers Charles Philipon erregten, der 1830 die linskgerichtete Satirezeitschrift „La Caricature“ gegründet hatte. Bis zu ihrer Einstellung 1843 schuf Daumier für sie durch groteske Verzerrung von Proportionen und Physiognomie Typen der opportunistischen bourgoisen Mitte und ihrer Machenschaften.

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