Gott der vielen Namen

Die georgischen und deutschen Jugendlichen feierten gemeinsam einen interreligiösen Gottesdienst als Abschluss des Austausches in der Marienkirche in Berlin-Mitte. Foto: privat

 

 

Zehn Tage lang haben christliche und muslimische junge Erwachsene aus Georgien die Arbeit des House of One und seiner Partnerinnen und Partner in Berlin kennengelernt und dabei gemerkt: Interreligiöser Dialog ist dort möglich, wo sich Menschen begegnen.

Von Nora Tschepe-Wiesinger

Elohim, Allah, Jahwe – Gott hat viele Namen. „Religionen ­bewahren unterschiedliche Vorstellungen von Gott“, sagt Gregor Hohberg, Pfarrer in der Marienkirche in Berlin-Mitte. Und doch sei die Sehnsucht des Gläubigen, von Gott gesehen zu werden, in allen Religionen gleich. Gregor Hohberg ist nicht der einzige, der an diesem Sonntag im Berliner Herbst in der Marienkirche am Alexanderplatz predigt. Auch Max Feldhake und Kübra Dalkilic stehen vorne auf der Kanzel.

Der Anblick ist ungewohnt: Feldhake trägt Kippa, Dalkilic Kopftuch, Hohberg Talar. Feldhake ist Student am Abraham Geiger Kolleg in Potsdam, dem ersten nach der Shoa gegründeten liberalen Rabbinerseminar in Europa, an dem sich auch Frauen zu Rabbinerinnen ausbilden lassen können. Dalkilic ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Forum Dialog in Berlin-Mitte, das sich für ein umfassenderes Verständnis des Islams einsetzt.

Was Feldhake, Dalkilic und Hohberg verbindet: Sie glauben an den einen Gott mit seinen unterschied­lichen Namen und an das House of One. Unweit der Marienkirche entsteht auf den Fundamenten der Petrikirche aus dem 13. Jahrhundert ein weltweit einmaliges Haus, das gleichermaßen Kirche, Moschee und Synagoge wird. Ein Haus der Begegnung, des Gebets, der Lehre – ein Friedenssymbol. Für April 2020 ist der erste Spatenstich geplant, aber an der Vision vom friedlichen Mitein­ander der Religionen wird schon jetzt gearbeitet.

Sechs Tage vor dem Gottesdienst sitzen 15 junge Erwachsene zwischen 18 und 30 Jahren um einen Tisch in der „Gracht“, dem vorläufigen Büro des House of One. Vor ihnen stehen Butterbrezeln, türkische Sesamringe und ein Modell des Drei-Religionen-Hauses. Nicht drei, sondern vier Räume soll das Haus haben, erklärt Imam Osman Örs. Der vierte Raum ist für alle, die sich keiner der drei monotheistischen Religionen zugehörig fühlen. Örs schmunzelt und sagt „also für den Großteil der Berlinerinnen und Berliner“. Er nennt den Raum „das Weltenhaus“, von dem die drei weiteren Räume – Synagoge, Kirche, Moschee – abgehen. Jeder Besucher muss erst durch das „Weltenhaus“, bevor er in einen der sakralen Räume gelangt.

Wie könnte der vierte Raum aussehen? Diese Frage diskutieren die Jugendlichen auf Deutsch, Georgisch und Türkisch. Die meisten von ihnen kommen aus Georgien. Sie sind im Rahmen eines zweijährigen Austauschprojekts des House of One und der Friedensakademie der Evangelisch-Baptistischen Kirche Georgiens zehn Tage lang in Deutschland. Auch die Friedensakademie in Georgien setzt sich für ein Miteinander der Religionen ein und organisiert muslimisch-christliche Austauschprojekte für Kinder und Jugendliche. In Georgien sind Muslime und nicht-orthodoxe Christen wie die Baptisten eine Minderheit. Vor einem Jahr waren deutsche Studierende in Georgien und haben die Arbeit der Friedensakademie kennengelernt.

In Deutschland lernen die georgischen Jugendlichen, zu denen Baptisten, orthodoxe Christen und Muslime gehören, die Partnerinnen und Partner des House of One kennen, besuchen Kirchen, Synagogen und Moscheen, Stiftungen, Hochschulen und Vereine, aber auch den Bundestag, das Pergamonmuseum, die Gedenkstätte Berliner Mauer und das Denkmal für die ermordeten Juden in Europa. Einen Tag lang sind sie in Wittenberg. Sie hören Vorträge, Konzerte und Predigten, diskutieren, stellen Fragen und tauschen sich aus: Was glaube ich und was die anderen? Wie funktioniert ein friedlicher wertschätzender Dialog zwischen den Religionen?

Zu Simchat Tora, dem jüdischen Feiertag, der gleichzeitig Ende und Anfang der jährlichen Toralesungen im Gottesdienst markiert, sind die Jugendlichen in die Sukkat-Shalom-Synagoge eingeladen, eine Reformsynagoge in Berlin-Charlottenburg. Rabbiner Andreas Nachama und Kantorin Ester Hirsch singen abwechselnd aus der Tora und nach dem Gottesdienst den Kiddusch, den Segensspruch über dem Wein.

Für viele der georgischen und auch der deutschen Jugendlichen ist es das erste Mal, dass sie an einem jüdischen Gottesdienst teilnehmen. „Viele Regeln im Islam und Judentum sind ähnlich“, erklärt Kantorin Esther Hirsch. „Ich fühle mich bei den jüdischen Feiertagen und Bräuchen am meisten zu Hause.“ Sie will von den christlichen und mus­limischen Jugendlichen wissen, was für sie dieses Zu-Hause-Gefühl ausmacht. Den Ruf des Vorbeters in der Moschee zu hören oder das Abendmahl in der Kirche zu feiern? Gemeinsam stellen sie fest, dass sie nicht viel brauchen, um sich gleichzeitig zu Hause und nah bei Gott zu fühlen: die Tora, das Evangelium, den Koran und den Kiddusch, das Abendmahl, das Gebet.

Sich Gemeinsamkeiten ihres Glaubens bewusst zu werden, aber auch Unterschiede zu tolerieren und zu wertschätzen – nach zehn Tagen in Berlin sind sowohl die georgischen als auch die deutschen Jugendlichen überzeugt, dass dies möglich ist und in einer zunehmend pluralistischer glaubenden Gesellschaft auch möglich sein muss.

„Gott blickt durch dich auf mich und umgekehrt“, sagt Pfarrer Gregor Hohberg. Im Blick auf den Anderen, egal ob Jude, Muslim, Christ oder Atheist, Deutscher oder Georgier, zähle am Ende vor allem eins: den Menschen zu sehen.

 

 

 

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