Glauben und Leben eng verwachsen

Des künftige Bischof Christian Stäblein am 20. Oktober bei der Menschenkette vor der Neuen Synagoge in Berlin-Mitte nach dem Anschlag von Halle. Foto: Manuela Schneider/EKBO




Am Samstag wird Christian Stäblein neuer Bischof der EKBO. Wie wird er dieses Amt gestalten und welche Herausforderungen liegen vor ihm?

Von Friederike Höhn

Ein Hingucker will er sein, der zukünftige Bischof. Nicht, weil er sich für einen besonders feschen Kerl hält, den man anschauen sollte, nein. Christian Stäblein nimmt den lateinischen Begriff „episcopus“ wörtlich: „Das kann als Herumschauer übersetzt werden. Ich mache daraus den Hingucker, weil ich mir wünsche, dass ich tatsächlich da hinschauen kann, wo Fragen, Sorgen und Nöte sind“, erläutert er seine Vorstellung vom Amt des Bischofs.

Ab kommenden Samstag wird der bisherige Propst der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) dies in die Tat umsetzen können. Nach auf den Tag genau zehn Jahren gibt Bischof Markus Dröge den Stab – oder besser: das Bischofskreuz – weiter.

Wo wird der Neue genau hingucken, hinschauen müssen? Die größte Herausforderung stellt die Ausrichtung der EKBO auf die Zukunft dar. Die Freiburger Studie hat einen rapiden Rückgang an Mitgliedern und damit auch finanziellen Mitteln prognostiziert. EKD-Präses Irmgard Schwaetzer bestätigte dies gerade in aller Deutlichkeit: „Unsere Kirche wird in 20 oder 40 Jahren sehr anders sein“, sagte sie in ihrem Bericht vor der EKD-Synode in Dresden am vergangenen Sonntag.

Mammutaufgabe: Kirche fit für die Zukunft machen
Als Bischof wird Stäblein also daran gemessen werden, ob es unter seiner Ägide in den nächsten zehn Jahren gelingt, einen innerkirchlichen Strukturwandel zu vollziehen. Dass der 52-Jährige die Landeskirche und ihre Menschen bereits gut kennt, ist dabei sicherlich von Vorteil. Er kann sich sofort in die Arbeit stürzen. Erste Schritte sind bereits gegangen, diese hat Stäblein als Propst mitgestaltet. „Ich will in meiner Rolle als Bischof Mut machen, den Weg weiterzugehen, diesen begleiten“, sagt er. Dazu gehören Gemeindefusionen und die Veränderung des parochialen Systems, des Gemeindechristentums. Anders gehe es nicht. „Doch das Wichtigste ist und bleibt, dass wir mit Seelsorge, Verkündigung und Bildung an allen Stellen immer da sind, wo wir gebraucht werden.“

Auf konkrete Zahlen zu künftigen Gemeindegrößen will Stäblein sich hier nicht festlegen lassen. Denn er kennt die Landeskirche gut genug, um zu wissen: Eine Pauschallösung gibt es nicht. Was in einem Kirchenkreis gut klappt, kann anderswo nicht unbedingt genauso umgesetzt werden. Schon gar nicht möchte er einen Masterplan aus dem Konsistorium präsentieren. „So funktioniert unsere evangelische Kirche nicht.“

Beim Erhalt kirchlichen Lebens in sich verändernden Strukturen kommen wieder einmal die „Dritten Orte“ zur Sprache – eines der Lieblingsthemen Stäbleins aus seiner Propstzeit: die evangelischen Schulen, diakonischen Einrichtungen und innovative Projekten, die dort Menschen zusammenbringen, wo die Parochie nicht mehr in hergebrachter Weise arbeiten kann. Auch hier gilt für ihn als Bischof: Hingucken, was es gibt, gute Ideen stärken und vor allem davon erzählen.

„Es kann sein, dass das alles nicht so gelingt, aber nichts auszuprobieren, kann auf keinen Fall der richtige Weg sein.“ Ein „Weiter so“ kann es nicht geben, sagt er, das sei allen bewusst. Es sei nicht die Aufgabe der Menschen, Kirche zu erhalten, so die theologische Begründung Stäbleins dazu: „Das tut Gott, das tut der Heilige Geist. Das gibt uns die Freiheit, auszuprobieren, was wir können. Die Verantwortung haben wir.“

Zur Zukunft gehören die jungen Menschen. Auch für sie möchte Stäblein ein Hingucker sein, egal, ob es um Formate und Ideen für junge Erwachsene geht, um eine Jugendsynode – nichts kann und soll von oben kommen, sondern er möchte fragen, was gebraucht wird. Die erste Forderung der EJBO nach einer 100-prozentigen Landesjugendpfarrstelle liegt schon auf dem Tisch.

Der Bischof entscheidet nichts alleine. Das fällt immer wieder im Gespräch, wenn es um Aufgaben und Herausforderungen geht: „Der Bischof ist kein Regierungschef.“ Kirche wird im Team geleitet, gemeinsam von Haupt- und Ehrenamtlichen.

Als Bischof in Politik und Gesellschaft wirken
„Ich bin als Bischof dazu aufgerufen, vom Evangelium zu reden und das Evangelium hat immer politische und gesellschaftliche Konsequenzen“, antwortet Stäblein auf die Frage, ob er wie sein Vorgänger das Amt des Bischofs als ein politisches Amt versteht. „Insofern gibt es die Alternative, ein unpolitischer Bischof sein zu wollen, gar nicht.“ Welche Themen er dabei besonders im Fokus haben wird und wie er sich von Markus Dröge unterscheiden wird, bleibt abzuwarten.

Ein politisches Thema der Stunde liegt dem künftigen Bischof besonders am Herzen: der immer lauter werdende Antisemitismus in Deutschland. Der Dialog der Religionen, insbesondere mit den jüdischen Geschwistern, bildet eine Konstante in seinem Leben. „Das gehörte zu meiner Familie dazu, das war bei mir immer schon präsent.“ Sein Kindergarten in Hannover lag neben einer Synagoge, selbstverständlich ging man dort zu Veranstaltungen hin. Später studierte er Judaistik, auch in Jerusalem, engagierte sich in Partnerschaftsprojekten. Seine ersten Veröffentlichungen am Ende des Studiums: ein biografischer Aufsatz über den jüdischen Religionshistoriker Gershom Scholem, ein zweiter über Yoram Kaniuk, einen israelischen Schriftsteller. Seine Expertise im jüdisch-christlichen Dialog festigte er mit der Promotion über „Predigen nach dem Holocaust“.

Heute fragt Stäblein sich: „Was haben wir als Kirche versäumt im Kampf gegen Antisemitismus?“ Der Anschlag von Halle und die vielen antisemitischen Vorfälle machen ihn betroffen. Seine Konsequenz: Noch sichtbarer werden und noch deutlicher machen, dass man sich nicht an Antisemitismus gewöhnen werde, weder in Kirche noch in Gesellschaft. Er will dagegenhalten: mit Bildungsarbeit und durch Begegnungen. Auch die Erinnerungsarbeit in der Landeskirche ist für ihn dabei ein wichtiger Stützpfeiler, ebenso das entstehende „House of One“, das die friedlichen Kräfte in den Religionen stärke. Dass die EKD in diesem Jahr erstmals einen Antisemitismusbeauftragten berufen habe, sei „ein wichtiges, wenn auch trauriges Zeichen dafür, in was für Zeiten wir aktuell leben“.

Ein weiteres Thema, das Christian Stäblein als Bischof beschäftigen wird, ist die Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs in Kirchen und kirch­lichen Einrichtungen. „Ein furcht­bares Thema, dem wir uns stellen müssen“, sagt er. „Vertrauen ist das, wovon wir als Kirchen leben. Insofern gehen die Missbrauchsfälle für uns noch viel stärker als anderswo ins Mark der eigenen Identität.“ Er berichtet, dass die östlichen Landeskirchen darüber im Austausch sind, eventuell eine eigene Studie in Auftrag zu geben.

Das Hinhören und Hinschauen sind Stärken von Christian Stäblein. Als Propst war er viel in der Landeskirche unterwegs. Wer ihn in der Vergangenheit reden oder predigen hörte, weiß: Er fährt gerne und viel mit den öffentlichen Verkehrsmitteln, begegnet dort jenseits von Kirche Menschen, beobachtet und sucht das Gespräch. Diese Nähe zu den Menschen will er sich als Bischof erhalten. Könnten die sozialen Medien ein Weg für ihn sein, Kontakt zu halten und sich auch mal einzu­mischen? „Ich habe darüber schon nachgedacht“, erzählt er. Die Lust ist da, doch er will erst einmal schauen, ob er auch die nötige Zeit dafür hat. „Wäre nicht schön, nach zwei Wochen schon zu merken, dass man es gerade nicht hinkriegt.“

Fast wäre aus ihm ein Anwalt geworden
Stäbleins Mutter war eine der ersten Pfarrerinnen in der hannoverschen Landeskirche. „Das hat mich zweifellos geprägt.“ Und doch war es für ihn keine Selbstverständlichkeit, auch den Pfarrberuf zu ergreifen. Ganz im Gegenteil: Als Heranwachsender kam eine Phase der Abnabelung und der deutlichen Distanz gegenüber Kirche. Ein wichtiger Prozess, sagt er heute. „Alle dachten, der studiert doch auch Theologie. Das war für mich aber kein guter Grund.“

Ein anderer Berufswunsch war in ihm gereift: Rechtsanwalt. Mit etwas jugendlichem Pathos, dem Wunsch, Stimme der Benachteiligten zu werden und auch – so gibt Stäblein gerne zu – inspiriert von Manfred Krugs Rolle in der ARD-Serie „Liebling Kreuzberg“ als eigenwilliger Anwalt mit Schlag bei den Frauen, begann er 1987 ein Studium der Rechtswissenschaften in Göttingen. Es dauerte nur ein Semester, denn er merkte: „Ohne Theologiestudium werde ich auch nicht glücklicher.“ Diese Entscheidung hat er nicht bereut. Pfarrer zu sein, sei der schönste Beruf überhaupt, ein Traum.

Im Gespräch lässt sich dem künftigen Bischof auch ein wenig Privates entlocken. Bekanntlich ist er ein großer Fußballfan, doch seine eigene sportliche Karriere spielt sich nicht auf dem Platz, sondern an der Platte ab: Christian Stäblein ist begeisterter Tischtennisspieler, zuletzt bei einem Verein in Berlin-Tegel. „Auch wenn es in den letzten Jahren bestenfalls zum Ersatzspieler gereicht hat“, sagt er mit Bedauern. Außerdem hat er viele Jahre Kontrabass gespielt und geht gerne ins Theater.

Und dann gelingt ihm wieder der Schritt vom Privaten zu seinem spirituellen Leben, seiner Berufung für das Leben mit Gott: „Ich bin gerne jemand, der so auf die Dinge zugeht, das Glauben mittendrin ist, mit dem Leben verwachsen.“ Das gilt sicherlich genauso für seine neue Aufgabe im Amt des Bischofs der EKBO.

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Gottesdienst zum Bischofswechsel

Der Bischofswechsel in der EKBO wird im Rahmen eines Festgottesdienstes am Samstag, 16. November, um 15 Uhr in der St.-Marien-Kirche voll­zogen. Die Liturgie übernehmen Bischof Markus Dröge, Präses Sigrun Neuwerth und Pfarrerin Corinna Zisselsberger. Es predigt der neue Bischof Christian Stäblein.

Zu dem Gottesdienst sind hauptamtliche und ehrenamtliche Vertreter*­innen aus der EKBO eingeladen, Gemeindeglieder der St. Petri-St. Mariengemeinde sowie Gäste aus Politik und Wirtschaft, anderen Landeskirchen und der EKD, der internationalen und nationalen Ökumene. Wegen der begrenzten Platzzahl wird der Gottesdienst zeitgleich im Berliner Dom übertragen und kann dort liturgisch unter Leitung von Dompfarrer Michael Kösling mitgefeiert werden. Um 15 Uhr beginnt die Übertragung im Berliner Dom, bereits um 14.30 Uhr können sich Interessierte zum Einsingen dort treffen. Er kann auch live im rbb-Fernsehen verfolgt werden.

Der Gottesdienst wird in Gebärdensprache gedolmetscht. Die Kollekte wird auf Wunsch von Bischof Dröge und Bischof Stäblein für medizinische Notfälle im Kirchenasyl gesammelt.

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Kommentar von Wolfgang Banse |

Guten tag. Zum obigen Artikel hatte ich einen Kommentar verfasst. Dieser ist nicht sichtbar. Um aktuell zu sein, sollte die Online Ausgabe täglich durch geguckt werden. Wenn Kommentare erst dann frei geschaltet werden, wenn neue Artikel in der Wochenzeitung die Kirche am Mittwoch ins Netz geschaltet werden dan sind diese schon... Mit freundlicher Empfehlung Wolfgang Banse

Kommentar von Wolfgang Banse |

Sehr geehrte Damen und Herren der Evangelischen Wochenzeitung:die Kirche,
zu verschiedenen Artikel hatte ich Kommentare verfasst. Diese sind aus irgendwelchen Gründen nicht sichtbar.
Nicht die Redaktion steht für die abgegebenen Kommentare gerade, sondern der Verfasser.Auch in einem kirchlichen Presseorgan, wie hier die Evangelische Wochenzeitung:die kirche sollte Meinungsfreiheit, die laut Grundgesetz gegeben ist, erleb, erfahrbar werden.Wenn man das Produkt hier die Wochenzeitung:die Kirche käuflich erwerbt, so ist es legitim als Leser sich zu äußern.Der Presserat würde dem sicherlich zu stimmen.Auch sollte man bedenken, dass der gegenwärtige Verkaufspreis etwas zu hoch angelegt ist, was die Seitenzahl betrifft. Siehe weltliche Presseorgane.Wie viel Eigenanteil an der Ausgabe kommt vom Redaktionsstatut, wie viel Fremdanteil von außen.
Mit freundlicher Empfehlung. Eine gesegnete Adventszeit wünscht aus Potsdam- Babelsberg
Wolfgang Banse