Gesicht zeigen

Viele Prominente unterstützen die Aktion: die Präses der EKD, Irmgard Schwaetzer, Margot Käßmann, Bischof Markus Dröge und Propst Christian Stäblein. Die Position links ist weiß, dort kann man das eigene Foto einfügen. Foto: AG Kirchentag/Ausschnitt

 

 

Gesicht zeigen

Der Evangelische Kirchentag in Dortmund startete die Kampagne: „Jedes wir beginnt mit mir!“ Die Initiative der Arbeitsgemeinschaft Juden und Christen des Kirchentags sowie des Instituts Kirche und Judentum rief damit zum Engagement gegen Antisemitismus in Kirche und Gesellschaft auf. Seit dem Start am 19. Juni kann nun jede*r Unterstütz*erin ihr/sein eigenes Foto in die Postkarte einfügen und verschi­cken. Das Engagement gegen ­Antisemitismus braucht christ­liche Stimmen. Über die Aktion: #JedesWir sprach Johanna Friese mit Christian Staffa, christ­licher ­Vorsitzender der AG Juden und Christen beim Kirchentag und Studienleiter für Demokratische Kultur und Kirche an der Evangelischen Akademie Berlin.

Herr Staffa, wie schwer war es, evangelische Prominente zu finden, die auf der Postkarte Gesicht ­zeigen gegen Antisemitismus?


Das war überhaupt nicht schwer. Wir haben schnell Antworten auf unsere Anfragen bekommen. Viele sagten, es sei eine super Aktion. Eine Kollegin fragte, was wir damit ­meinen und ob denn nicht alle ­Christinnen und Christen gegen Anti­semitismus seien, hat aber ­trotzdem sofort mitgemacht. Es war insgesamt eine aufgeweckte Reaktion.

Wie wurde der Start der Aktion auf dem Evangelischen Kirchentag in Dortmund angenommen?

Es war nicht die uneingeschränkte Begeisterung, die ich ­erwartet hatte. Viele haben zwar ­positiv auf die Roll-Ups an den Ständen reagiert, auf denen die Postkarte abgebildet war. Sie wollten sich gleich beteiligen, zögerten dann aber doch, die Postkarte mit einem Foto fertig zu machen und zu verschicken. Bei jungen Leuten war das einfacher, weil sie digital verschicken und auch schnell mal gerne ein Foto hochladen.

Warum heißt die Aktion: „Jedes wir beginnt mit mir“?

Wir haben lange darüber debattiert und der Vorschlag kam schließlich von Miki Rubinstein, dem ­Chef des jüdischen Landesverbandes in Nordrhein-Westfalen. Es sollte eine Kampagne sein, die dich selbst mit adressiert. Das heißt: Nicht nur nach außen sagen, wir sind gegen Anti­semitismus, sondern sich auch ­selber fragen, wo denn unsere christlichen Antisemitismen weiterwirken, in den Gemeinden, in den Verlautbarungen, Predigten oder wo auch immer. Der Kampagnentitel bringt dies genial auf den Punkt: Wir müssen uns ändern, aber wir wollen mit dieser Veränderung auch andere verändern und darüber nachdenken, wie wir uns gemeinsam verändern.

Warum halten sich denn anti­jüdische Vorurteile so hartnäckig auch unter Christinnen und ­Christen?

Mein Lehrer, der Neutestamentler Peter von der Osten-Sacken, hat immer gesagt: Ihr müsst euch immer vorstellen, wie lang die Geschichte des christlichen Antisemitismus war und wann wir erst aufgewacht sind. Abgesehen von Einzelstimmen hat sich erst nach 1945 kirchenamtlich viel getan. Langsam aber sicher hat sich fundamental viel geändert. Aber es ist so noch nicht in den Gemeinden angekommen. Noch immer ist die Rede von Alt und Neu, pharisäerhaft, alttestamentarisch – wie die Worte alle heißen, sie fließen den Leuten über die Lippen und darin verbergen sich Welten von anti­jüdischen Bildern.

Wie geht es nun weiter? Sollen möglichst viele ihr Foto hochladen und Postkarten digital oder postalisch verschicken?

Unbedingt. Wir lassen die Aktion weiterlaufen und wollen jetzt alle Landeskirchen anschreiben, die christlich-jüdischen Arbeitsgemeinschaften, die ja alle mit im Boot sind als Partnerinnen und Partner. Sodass wir in den kommenden Monaten überall Menschen gewinnen, die mitmachen und Gesicht zeigen und damit zum Ausdruck bringen: Wir wollen über uns und über die Sache nachdenken.

Weitere Informationen: #Jedes wir beginnt mit mir

Die Kampagne gegen Judenfeindschaft mit dem Motto „Jedes wir beginnt mit mir! Christ*innen gegen Antisemitismus“ wird von einer Postkartenaktion ­begleitet: Persönlichkeiten aus Gesellschaft und Kirche stehen mit ihrem Gesicht ein gegen Antisemitismus. Zudem gibt es eine interaktive App, mit der jeder unter www.jedeswir.de das eigene Foto in die Postkarte einfügen kann, um so in den Kampf gegen Antisemitismus einzustimmen. Die Karte kann beispielsweise an Gemeinden, Pfarrkonvente oder den Freundeskreise ­geschickt oder unter dem Hashtag #JedesWir in den sozialen Netzwerken ­geteilt werden. Außerdem kann jeder Impulse für die Praxis setzen: eine ­Veranstaltung zum Thema Antisemitismus, einen Synagogen­besuch in der Nachbarschaft, einen Themen-Gottesdienst oder anderes organisieren.
Die Postkartenaktion der Kampagne unterstützen unter anderem die ­Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag, Katrin ­Göring-Eckardt, und der Ratsvorsitzende der EKD, Heinrich Bedford-Strohm.

Auch die EKBO schließt sich der Kampagne an. Sie gab zusammen mit der Evangelischen Akademie die ­Broschüre „Amen“ (אמןֵָ) heraus. Diese stellt sich antijüdischen Elementen des christlichen Glaubens und beschreibt, wie eng jeder Gottesdienst mit der jüdischen Tradition verbunden ist – etwa wenn das Amen und das Halleluja gesungen oder Texte aus der Hebräischen Bibel gelesen werden. Jede Gottesdienstfeier eröffnet Möglichkeiten zu einer christlich-jüdischen Begegnung. Jede Gemeinde bekam drei Broschüren ­zugeschickt. Zum Download gibt es die Broschüre unter: www.ekbo.de/amen Eine begrenzte Anzahl kann man bestellen unter b.krueger@ekbo.de

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Kommentar von Wolfgang Banse |

Gesicht zeigen, ist die eine Seite. Die andere Seite heißt Handeln. Reden und Handeln sollten im Einklang stehen.Ist dies nicht der Fall entsteht Unglaubwürdigkeit Auch unter Christen gibt es einen latenten, verdeckten Antisemitismus.Nach wie vor ist jüdisches leben in Deutschland noch nicht Normalität.Aus der Geschichte lernen heißt Lehren ziehen.

Kommentar von Ulrich Wilke |

Zuerst habe ich die Losung "Jedes wir beginnt mit mir" nicht verstanden. Nach einigem Nachdenken ist mir klar geworden, was gemeint ist: "Jedes Wir beginnt mit mir." "Wir" muss also großgeschrieben werden, weil es ein Substantiv ist; es hat sogar ein Attribut.