Fake News um schwedische Kirche

Falschmeldung schwedische Kirche
Auf der Facebook-Seite von „idea“ wurde die Falschmeldung aufgeregt diskutiert. Foto: Screenshot

 

Angeblich schreibt die schwedische Kirche ihren Geistlichen vor, künftig von Gott nur noch in geschlechts-
neutraler Form zu sprechen. Die Meldung ist falsch, verbreitet sich in den Medien aber rasant. Auch die Nachrichtenseite „idea“ gibt diese Meldung weiter. Muss die Evangelische Kirche im Zeit-
alter von Fake News im Netz kommunikativ gegensteuern?

Von Markus Kowalski

Die Aufregung in den Kommentarspalten auf Facebook war groß. „Die sogenannte ‚theologische Korrektheit‘ treibt doch wahnwitzige Blüten“, schreibt ein Nutzer. „Genderwahn – nun hat es auch Gott getroffen“, ein anderer. Der strittige Artikel, den über Hundert Nutzer kommentierten, stammt von der Nachrichtenseite „idea“, der Titel: „Schwedische Kirche spricht von Gott künftig geschlechtsneutral.“

Es entsteht der Eindruck, dass die Bischöfin der Evangelischen Kirche in Schweden, Antje Jackélen, es den Gläubigen verbiete, von Gott als „Herr“ zu sprechen. Der Beginn des Artikels: „In der evangelisch-lutherischen Kirche Schwedens sollen Pfarrer demnächst im Gottesdienst nur noch geschlechtsneutrale Begriffe verwenden, wenn sie von Gott sprechen. Statt ‚Herr‘ oder ‚Er‘ sei die allgemeinere Bezeichnung ‚Gott‘ zu verwenden.“ Doch das ist falsch.
Der Artikel, der oft geteilt und kommentiert wird, sei „Fake News“, eine bewusste Falschmeldung, sagt die Kirchenleitung in Schweden. „Falsche Behauptungen wurden im Internet durch Personen verbreitet, die das neue Gottesdienst-Buch verhindern wollten“, sagt Per Eckerdal, Bischof in Göteburg, gegenüber „die Kirche“. „Diese sogenannten Nachrichten, die eigentlich Lügen sind, gingen leider sehr schnell um die ganze Welt.“

Richtig sei, dass es einen Beschluss gab, der es Geistlichen in der Liturgie ermöglicht, anstatt dem männlichen „Herr“ das neutralere Wort „Gott“ zu verwenden. „Das sind aber alles nur Optionen“, sagt Martin Larsson, Sprecher der Schwedischen Kirche. „Man darf weiterhin genauso traditionelle Begriffe verwenden, wenn man möchte.“
Das Pronomen „hen“, das im Schwedischen in den letzten Jahren als geschlechtsneutrale Form populär wurde, spiele in der kirchlichen Entscheidung keine Rolle.

Larsson sei sich nicht sicher, wer die falsche Information in die Welt gesetzt hat. Fakt ist: Ein erster Bericht sei in der dänischen Tageszeitung „Politiken“ aufgetaucht. Das griff die „Daily Mail“ in London auf. Darauf bezog sich dann „idea“. Dort kann man auf Nachfrage von „die Kirche“ keinen Fehler erkennen: „In der Meldung vom 26. November haben wir uns ausschließlich auf die Berichterstattung der britischen ‚Daily Mail‘ bezogen – die als Quelle klar benannt wird“, sagt Matthias Pankau von „idea“.

Dass die Informationen, die man korrekt zitierte, falsch waren, scheint keine Rolle zu spielen. Schließlich wird der Artikel in den sozialen Netzwerken rege diskutiert, und das bringt der Nachrichtenseite Reichweite. Einen Tag später, am 27. November, meldet „idea“ das Dementi der Sprecherin der schwedischen Erzbischöfin Jackélen.
Doch der Artikel vom Vortag bleibt unverändert online. Ein Hinweis, dass diese Meldung falsch ist, fehlt. Die zweite, korrekte Nachricht steht nur auf der Webseite hinter einer Bezahlschranke und wird nicht auf Facebook gepostet. Ist das schon strategische Kommunikation, um ein politisches Ziel zu verfolgen? „Nein“, man mache nicht bewusst Stimmung gegen geschlechtsneutrale Sprache, entgegnet „idea“.

Kristian Gaiser, Beauftragter für Gleichstellung und Diversity in der EKBO, sieht das anders. „Das ist eine typische Anti-Genderismus-Debatte“, sagt er. „Beim ersten Lesen des idea-Artikels denkt man: Das ist doch völlig verrückt! Dabei sind es nur Übertreibungen.“ Von der Aufregung in den sozialen Netzwerken profitierten „evangelikale Kreise“, die es auch in der EKBO gebe. Mit dieser Art der Kommunikation verteidige man so ein „althergebrachtes, traditionelles Gottesbild“.

„Das spricht natürlich nicht für die Seriosität von ,idea‘“, sagt Gaiser. Damit stellt sich auch die Frage, inwieweit die EKD dieses Medium unterstützen sollte. Sie subventionierte die „christliche Nachrichtenagentur“ in diesem Jahr mit 132000 Euro, im kommenden Jahr bereits nur noch mit 90000 Euro.

Stimmungsmache gegen eine geschlechtergerechte Theologie kann nicht im Sinne der Kirche sein. In der EKBO ist die Debatte seit Jahren präsent: „Unsere erneuerte Agende bietet für Gebete viele Möglichkeiten über die Dominanz der Gottesanreden ,Vater‘ und ,Herr‘ hinaus“, sagt Magdalena Möbius, landeskirchliche Pfarrerin für Frauenarbeit. „Ich wünsche mir, dass diese vielfältigen Formen in der Liturgie mehr Verbreitung finden.“

Doch was muss in der Kirche dafür getan werden, um Angstmache vor Gleichstellungs- und Genderfragen in Form von Fake News zu verhindern? „Selbstverständlich brauchen wir jemanden, der bei Facebook und Twitter gegensteuert“, sagt Gaiser. Doch sei man derzeit personell nicht ausreichend aufgestellt. „Wenn sonntäglich über Gottesdienste nicht mehr alle Menschen erreicht werden, muss die Kirche andere kommunikative Wege finden.“ Eine „Diskreditierung“ der kirchlichen Gleichstellungsarbeit durch Fake News könne man nicht hinnehmen.<

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