„Die Welt ein Stück weit verändern“

arusha weltmissionskonferenz

In Tansania kamen am vergangenen Wochenende hunderte Kirchenvertreter zur Weltmissionskonferenz zusammen. Alle zehn Jahre soll die Veranstaltung geistliche Impulse setzen. Aus Berlin war unter anderem Superintendent Martin Kirchner angereist. Mit ihm sprach Markus Kowalski über neue Ideen für Mission heute.


Herr Kirchner, welche Eindrücke haben Sie von der Konferenz?

Die Teilnehmer hier sind unglaublich vielfältig, sie kommen aus 100 Nationen und mit ganz unterschiedlichen Erfahrungen. Wir haben hochgerechnet, dass wahrscheinlich über 300 Kirchen da sind. Das reicht von Mitgliedern aus Ozeanien, bei denen im Vortrag der Klimawandel eine große Rolle spielte, bis hin zu Neuseeland und kleineren Inseln. Trotz der unterschiedlichen Hintergründe sind die Themen, die hier verhandelt werden, aber weltweit vergleichbar. Das sind Geschlechtergerechtigkeit, Armut und die Frage, wie wir die Menschen am Rande mitnehmen können.

Wie steht es um das Thema Geschlechtergerechtigkeit?

Viele authentische Berichte richteten Forderungen an die anwesenden Kirchen. Nach dem Motto: Seht zu, dass ihr die Leitungsebene stärker mit Frauen besetzt.

Welche Themen sind denn dieses Jahr besonders wichtig?

Das Konferenzthema ist „Moving in the spirit – called to Transform Discipleship“ (Im Geist bewegt – verändernde Nachfolge). Da geht es um die Frage, wie der Geist Gottes die Menschen dazu bewegt, ein glaubwürdiges Zeugnis zu geben und damit die Welt ein Stück weit zu verändern. Eine These, die ich mir aufgeschrieben habe, ist „translating the word and transforming the world“, also das biblische Wort übersetzen und die Welt verändern. Die authentischen Berichte der einzelnen Kirchen sind schon eindrucksvoll.

Nun sind Sie in Tansania zu Gast. Spielt das koloniale Erbe der Missionare des 19. und 20. Jahrhunderts in der Diskussion eine Rolle?

Nein, ich habe nicht wahrgenommen, dass die Kolonialzeit in negativer Art und Weise reflektiert wird. Ganz im Gegenteil. Wir Deutsche, also das Bayerische und das Berliner Missionswerk haben hier einst missioniert. Jetzt ist eine Zeit angebrochen, wo die Säkularisierung bei uns in Berlin und in der nördlichen Hemisphäre zunimmt. Wir brauchen Missionare aus Afrika, die ein Stück weit das Evangelium zurückbringen.

Was bedeutet Mission heute?

Mission bedeutet, das aus dem Wort Gottes Entnommene in der Welt in die Tat umzusetzen. Das ist nicht nur das Zusammenkommen in der Kirchengemeinde, um ein kulturelles Erbe zu pflegen. Sondern das soll die Lebensweise der Menschen nach dem Wort Gottes ändern. Die Mission von den Rändern her spielt hier eine große Rolle. Auf dem „Markttag“ haben sich viele kleine Initiativen von den Rändern der Gesellschaft vorgestellt, die noch Unterstützung brauchen.

Was meint „Mission von den Rändern“?

Das heißt, die Gruppen wahrzunehmen, die sonst keine Stimme haben. Beispielsweise wurde bei einem Gottesdienst der mennonitischen Gemeinde die Frage aufgeworfen, wie die Kirche darauf reagiert, dass der Präsident Tansanias, John Magufuli, eine Verordnung erlassen hat, dass schwangere Mädchen sofort aus der Schule geschickt werden. Da haben wir gesagt: Das ist ein Skandal! Man kann doch die jungen Frauen nicht dafür bestrafen, Kinder zu bekommen. Ein Projekt der evangelischen und katholischen Kirche hat begonnen, solche Mädchen aufzunehmen und ihnen eine ordentliche Schulbildung zu ermöglichen, mit einem Kindergarten, der die jungen Mütter entlasten soll.

Also hat Mission eine politische Dimension?

Ja, Mission kann schnell politisch werden. Auf jeden Fall aber hat Mission eine soziale Dimension, da sie das Zusammenleben der Menschen betrifft. Wir dürfen es nicht bei Projekten in Übersee belassen, sondern müssen schauen, wo es bei uns Gruppen an den Rändern gibt.

Wie meinen Sie das?

Unsere Gemeindehäuser sind ein Ort, an dem sich Menschen bürgerlich und gepflegt versammeln. Wo haben wir eigentlich bei uns die Möglichkeit, dass Menschen, die aus Randgruppen der Gesellschaft kommen, sich bei uns einleben können? Ich denke da an Altersarmut, die Einsamkeit alter Leute und den Pflegenotstand. Das muss man nochmal anders beleuchten als nur unter wirtschaftlichen Aspekten, sondern auch vom Evangelium her.

Was nehmen Sie jetzt mit von der Konferenz nach Berlin?

Nach den Antworten auf diese Frage müssen wir noch suchen. Das Stichwort „transforming discipleship“, verändernde Nachfolge, ist ein Prozess, der wahrscheinlich nie abgeschlossen sein wird. Wir müssen die Beschäftigung mit dem lebendigen Wort Gottes wachhalten und zu Botschaftern des Wortes werden.

Weltmissionskonferenzen werden vom Ökumenischen Rat der Kirchen alle zehn Jahre organisiert. Sie stehen seit jeher für missionarische Zeitansagen. Die erste Konferenz 1910 in Schottland gilt als Ausgangspunkt der modernen ökumenischen Bewegung.

Zurück

Einen Kommentar schreiben

Kommentar von Schmidt,Thomas |

Vielen Dank für dieses Interview! Sonst hätte ich Bruder Kirchner um einen Bericht gebeten. So konnte ich es schon einfacher verbreiten. Schön, dass es diese Konferenzen gibt. Die Missionsaktivitäten können uns dazu anregen, in der eigenen Gemeinde die Augen auf zu machen und geben auch die Möglichkeit, über die Nöte anderer Menschen zu sprechen. Manchmal hilft das ja, wieder unvoreingenommener zu sehen. Gott wird auch unvollkommene und kleine Pflänzchen wachsen lassen!