„Die Menschen wollen Brot“

Tharwat Kades im Gespräch. Foto: Gerd Herzog

Von Gerd Herzog

Wo sieht sich die Evangelisch-koptische Kirche im Ägypten nach Mubarak?

Wir müssen auch zukünftig eine Rolle in der Gesellschaft spielen: Das haben wir nach der Revolution 2011 gemerkt. Eine unserer Kirchen liegt direkt am Tahrir-Platz, wo die großen Demonstrationen stattfanden. Wir haben damals die Türen für alle Menschen geöffnet, besonders für die vielen jungen Leute. Tausende von Menschen besuchten unseren Silvestergottesdienst – und die Muslime haben mitgemacht. Wir unterscheiden nicht mehr zwischen Christen und Muslimen. Wir unterscheiden heute zwischen Christen und liberalen Muslimen auf der einen Seite und radikalen Muslimen auf der anderen Seite. Mit den liberalen Muslimen stehen wir gemeinsam in Opposition zur Regierung der Muslimbrüder.

Was sind die dringendsten Aufgaben der neuen Regierung?

Die wirtschaftliche Lage der Menschen zu verbessern, weil selbst Grundnahrungsmittel immer teurer werden. In Deutschland kostet ein Liter Milch 60 Cent, in Ägypten kostet er umgerechnet mehr als einen Euro, 10 ägyptische Pfund. Ein Lehrer beispielsweise verdient aber nur 600 Pfund. Deshalb ist das diakonische Wirken für die koptisch-evangelische Kirche so wichtig. Was hilft es, wenn ich über das Evangelium spreche und die Menschen kein Brot zu essen haben?

Die Muslimbrüder und die Salafisten haben die Chance erkannt, von den Armen gewählt zu werden, wenn sie ihnen Brot versprechen. Während der Revolution forderten die Menschen Brot, Freiheit und Demokratie. Die Muslimbrüder haben den Menschen bis jetzt nichts davon gegeben – sie haben sich vor allem die Macht gesichert. Unter 30 Ministern in der Regierung gibt es nur drei oder vier, die nicht zu den Muslimbrüdern oder zu den Salafisten gehören.

Die Salafisten sind radikale Muslime, ohne Frage. Was ist mit den Muslimbrüdern?

Die Muslimbrüder sind radikal, die Salafisten sind radikaler.

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