Dem Tod mit Kunst begegnen

Lazarus Endlich Hospiz
Das Duo „Endlich“ nähert sich dem Thema Tod in künstlerischer Form an: Heike Schmidt (l.) tanzt und singt, Jenny Ribbat spielt Piano. Foto: Kurt Franz Schönen




Berliner Hospizwoche 2018: Die Performance „Endlich“ setzt ein Zeichen gegen das Wegschieben des Todes.


Von Geneviève Hesse

Dem schwarzen Flügel kommt die Künstlerin Heike Schmidt mit ruhigen Schritten näher, mitten im großen Wintergarten des Lazarus-Hospizes in Berlin-Wedding. Unerwartet lehnt sie sich bäuchlings am Instrument an. Langsam gleitet sie darüber empor. Ihren anmutigen, gelenkigen Körper lässt sie dann liegend über die glänzende, lackierte Oberfläche lässig hin und her rollen. Dabei fängt sie an, die warmen, sehnsüchtigen Töne von Bachs Sterbelied „Ach, dass nicht die letzte Stunde“(BWV 439) zu singen. Ihre hellen Haare vermischen sich fast mit der blond-rötlichen Mähne der Pianistin Jenny Ribbat, wenn sie sich über die Tastatur beugt.

Nicht nur Sinn – auch viel Sinnlichkeit verspricht die Performance der beiden Berlinerinnen. Noch proben sie, aber klar ist schon die Mischung vieler Genres: Bach, Schubert, eigene Kompositionen, Chansons und Texte auf Deutsch, Französisch oder Englisch, sogar ein ge­orgisches Volkslied. Wird es ein Konzert, Theater, Tanz oder eine Lesung? „Bei den Sachen, die ich mache, kann man es nie genau sagen“, schmunzelt Schmidt. Im Programm steht „Konzertanz“. Frühere Performances führten sie in die Neue Nationalgalerie Berlin, nach Belgien, Griechenland und Italien. Das Thema Tod beschäftigte sie schon lange, dann traf sie die Musikerin Jenny Ribbat.

Die „Performer-Pianistin“, die am Grips-Theater und in weiteren Ensembles spielt, passte nicht nur wegen ihres Sinns für Musik und Bewegung. Auch das Thema liegt ihr am Herzen. So entstand Anfang des Jahres das weibliche Duo von „Endlich“. Beide Frauen stehen im Mittelpunkt, jeweils mit ihren körperlichen Bewegungen, ihren Stimmen und ihren Interpretationen von Text und Musik, die sich überlappen, begegnen oder ergänzen. Bis auf die Texte von Bach gibt es kaum christliche Akzente. In Schmidts früherer Performance über das Beten waren alle Religionen vertreten. Was Ribbat aus ihrer familiären, evangelischen Prägung übernommen habe, sei eine Grundhaltung gegenüber dem Tod als etwas Unbegreiflichem, einem großen Rätsel, vor dem sie viel Demut empfinde.

Der Veranstaltungsort im Lazarus-Hospiz passt besonders gut in das Konzept von Schmidt. Denn ihr Anliegen sei es auch, ein Zeichen gegen das Wegschieben des Sterbens zu setzen: „In unserer Gesellschaft geht Altern nicht mehr und Sterben schon gar nicht. Ich will, dass es einen Platz für den Tod gibt.“ Ihn nicht zu verdrängen, heiße nicht, man müsse sich ständig damit beschäftigen, sondern nur, dass er da sei, und nicht als „etwas Grauenvolles oder Morbides“. In den Liedern von Bach sei der Tod das schönste Ziel, die größte Sehnsucht im Himmel.

„Der Tod wird wie eine ansteckende Krankheit betrachtet, der wir am liebsten fern bleiben“ setzt Ribbat fort. „Im Umgang mit Sterbenden funktionieren wir viel zu oft nach dem Motto: Dumm gelaufen, Pech gehabt. Als wären wir selber nie dran.“ Dabei stellte Ribbat fest, dass der Kontakt mit dem Tod fast automatisch zu einer Auseinandersetzung mit der Liebe führe. Jede Form von Kunst bringe uns in Verbindung mit anderen Daseinsformen und lasse uns über ein Leben nach dem Tod nachdenken.

Beim Sterben stelle sich oft rückblickend die Frage nach dem Wesentlichen im Leben, betont Schmidt. Deswegen möchte sie ihr Publikum dazu anregen, sich damit zu beschäftigen: „Wie möchte ich leben? Was ist das Wesentliche? Und wie weit bin ich davon entfernt? Wie komme ich so nah wie möglich ran, damit ich möglichst zufrieden gehen kann, wenn ich gehen muss?“

Wie „Endlich“ endet, soll hier nicht verraten werden. Nur ein Indiz: Es kommt ein tanzendes Meer aus Frankreich vor. Das Publikum wird Akteur auf der erweiterten Bühne. Zum Schluss der einstündigen Aufführung ist ein gemeinsames Gespräch mit beiden Künstlerinnen möglich.

Performance „Endlich“. Am Montag, 24. September um 19 Uhr, Lazarus Hospiz, Bernauer Str. 117 (Eingang gegenüber dem S-Bahn Nordbahnhof), Berlin-Wedding. Eintritt frei. Weitere Aufführungen am 12. und 13. Oktober im Puttensaal der Bibliothek am Luisenbad, Badstraße 39, Berlin-Gesundbrunnen.

Das komplette Programm der 21. Berliner Hospizwoche (23.–30. September): www.hospizwoche.de

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