Das Erbe Martin Luther Kings

Martin Luther King Kirche
Gedenktafel für Martin Luther King im Foyer des Martin-Luther-King-Hauses der Kirchengemeinde Hoyerswerda-Neustadt. Foto: Jörg Michel

 



Der Bürgerrechtler wurde vor 50 Jahren ermordet – sein Name prägt Gemeinden in Hoyerswerda und Berlin-Neukölln

Von Elena Lorenz

Als die Pfarrersfrau und Katechetin Erika Freyer in Hoyerswerda zum Stift greift, liegt der 4. April 1968 fast vier Monate zurück. Der Tag, an dem der US-amerikanische Baptistenpastor und Bürgerrechtler Martin Luther King in Memphis/ Tennessee von einem Rassisten erschossen wurde, erschütterte auch die junge Kirchengemeinde Hoyerswerda- Neustadt (Kirchenkreis Schlesische Oberlausitz). In einem Brief wendet sich Erika Freyer an Kings Witwe und bittet, das namenlose Gemeindehaus nach ihm benennen zu dürfen. Sie schreibt von der „großen Verpflichtung“, die die junge Gemeinde mit dem Namen auf sich nimmt, und der „Verehrung“, die sie damit ausdrücken möchte. Bereits Ende August erhält die Gemeinde eine positive Antwort aus Atlanta.

Im geteilten Deutschland löste das Attentat auf King eine große Solidarisierungswelle aus. Denn auch hier lauschten die Menschen seinen Reden und Predigten und verfolgten aufmerksam seinen unermüdlichen Protest gegen Rassentrennung, ungerechte Sozialpolitik und Vietnamkrieg. „Es war vor allem sein gewaltloser und gut organisierter Widerstand gegen die Unterdrücker und dessen Verwurzelung im christlichen Glauben, der die Menschen inspirierte“, sagt Jörg Michel, der heute Pfarrer in Hoyerswerda ist. King war zudem überzeugt, dass eine Kirche, die sich nur um Seelsorge, nicht aber um gesellschaftliche, soziale und wirtschaftliche Ungerechtigkeiten kümmert, auf Dauer ohne Erfolg bleibe. Bei seinem Überraschungsbesuch in Ost-Berlin am 13. September 1964 predigte der Pfarrer vor tausenden Menschen in der Marien- und in der Sophienkirche, wie schon zuvor in der Waldbühne in West-Berlin. Er trifft den Nerv der Zeit, als er gegen „trennende Mauern der Feindschaft“ wettert: „Hier sind auf beiden Seiten der Mauer Gottes Kinder, und keine durch Menschenhand errichtete Grenze kann diese Tatsache auslöschen.“

Die Kirchengemeinde in der Gropiusstadt (Kirchenkreis Neukölln), deren Kirche seit 1968 nach Martin Luther King benannt ist, hält bis heute an seinem alles durchdringenden Gedanken von der „beloved community“ (geliebte Gemeinschaft) fest. Laut Pfarrer Andreas Schiel sind 60 bis 70 Prozent der Kinder in den Kitas der Gemeinde aus Familien muslimischen Glaubens. „Alles Meckern und Jammern nützt nichts“, sagt er, „es geht eher um die Frage, wie wir zu einem guten Miteinander der Kulturen und Religionen kommen.” Auch 2015 habe sich die Gemeinde im Sinne Kings engagiert, als sie Flüchtlinge vom Kreuzberger Oranienplatz bei sich aufnahm. Ein Jahr lang lebten zeitweise bis zu 20 Flüchtlinge in der Obhut der Gemeinde.

Auch in Hoyerswerda-Neustadt dient der Name seit jeher als Kompass. Aktuelle Themen wie Flüchtlingspolitik, Verständigung mit dem Islam, aufkeimender Rassismus in der Gesellschaft erforderten ganze Aufmerksamkeit. „Es geht darum, eine Stimme für die Schwachen und Benachteiligten zu sein. Da, wo Ungerechtigkeit herrscht, kann man als Gemeinde nicht abseits stehen und wegschauen“, sagt Pfarrer Jörg Michel. Genau das sei Kings theologisches Erbe, das die Gemeindearbeit nach wie vor prägt. Das Martin-Luther-King-Haus bleibe ein Ort, wo Menschen verschiedener Ansichten zusammenkommen, um zivilgesellschaftliches Engagement voranzutreiben. „Der Name nimmt uns in die Pflicht, auch heute klare Positionen zu beziehen.“

Am 4. April findet um 18 Uhr in der Martin-Luther-King-Kirche in Gropiusstadt eine Andacht anlässlich Kings 50. Todestag statt mit den Pfarrern Ulrich Helm und Andreas Schiel sowie mit den „Fraggel Singers“ und Kantor Schütz.

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