Auf Augenhöhe

Foto: Ben Mater/unsplash




„Machet euch die Erde untertan“: Gottes Auftrag an die Menschen bedeutet nicht Willkürherrschaft gegenüber der Tierwelt, sondern Verantwortung für unsere Mitschöpfung. Dies sollten wir uns angesichts des rapiden Artensterbens, der Massentierhaltung und der Diskussion um niedrige Fleischpreise neu vergegenwärtigen.

Von Viktor Weber

Früher hatte ich Tiere zum Fressen gern. Wörtlich gemeint. Inzwischen habe ich gelernt: Tiere sind keine
Gebrauchsgegenstände oder Häppchen. Den meisten Menschen dürfte dies klar sein. Dennoch setzt unsere Gesellschaft diese Erkenntnis nicht ausreichend in die Tat um. Der Umgang mit den Tieren entspricht weitestgehend nicht der Würde dieser Kreatur – Stichwort Massentierhaltung und vieles mehr.

Christinnen und Christen unterscheiden sich im Umgang mit den Tieren nicht wesentlich von anderen Mitmenschen. Keine Frage: Der Mensch hat sich am Tier versündigt, er hat die große Vielfalt an Lebewesen eingeschränkt, die er nach und nach entdeckte. Er lebte und lebt ganz nach dem Trump’schen Motto „Human first!“ – nach mir die Sintflut. Die anthropozentrische Auslegung der Schöpfungsgeschichten und anderer Bibeltexte hatte direkte Auswirkungen auf unsere Beziehung zu den Tieren.

Das Tier diente und dient manchem Menschen als Trophäe, als Ressource, als Nahrungsmittel. Es ist vielen – Gott sei Dank – aber auch ein Freund. Und vor allem: Es ist ein Mitgeschöpf. Diese Erkenntnis setzt sich langsam, aber stetig durch. Es gehört ihm nicht, dem Menschen. Es ist frei geschaffen vom selben Schöpfer und trägt dessen Handschrift.
Wie sollte ein christlicher Mensch mit etwas umgehen, das ihm nicht gehört, mit etwas, das wie er ein Gegenüber Gottes ist? In Sprüche 12,10 und anderen Bibelstellen wird das hebräische Wort נֶפֶשׁ („näfäsch“) als Tier übersetzt. Es trägt aber regelmäßig die Bedeutung von „Seele“. Es spricht vieles dafür, Tiere als eigenständige Subjekte vor Gott wahrzunehmen.

Der Mensch steht mit dem Tier in Beziehung. Er gab den Tieren einst einen Namen, so heißt es in der Bibel. Das Tier wird ihm zum Freund, Familienmitglied, Partnerersatz, zum Trost und zur Sinnstiftung. Der Hund, das Pferd, das Meerschweinchen. Es wird ihm in der Psychologie immer häufiger zum therapeutischen Begleiter, gar zum Arzt. Und noch mehr: Das Tier wird dem Menschen zur spirituellen Inspiration, wenn etwa die Vögel unter dem Himmel im reinen Gottvertrauen nicht für morgen sorgen (Matthäus 6,25f.)

Es eröffnet sich tatsächlich eine ausgesprochen spirituelle Dimension in der Beziehung des Menschen zum Tier. Genau wie er kann es die Voraussetzungen seiner Existenz nicht selbst schaffen, genau wie er ist es der Vergänglichkeit unterworfen. Stirbt das Haustier, entsteht ein Seelsorgebedarf. Die Trauer etwa um den verstorbenen Hund erreicht gern eine Intensität, die ähnlich auch für verstorbene Mitmenschen erfahren wird.

Hier ergeben sich neue Handlungsfelder für die Kirche, insbesondere im Seelsorgebereich. Genauso wie das Tier ist der Mensch angewiesen auf ein Gegenüber. Doch anders als das Tier ohne den Menschen, kann der Mensch viel schlechter ohne das Tier sein.

Gottesdienst für Mensch und Tier mit Pfarrer Viktor Weber. Am Sonntag, 18. August, um 13 Uhr auf der Wiese vor der Dorfkirche Staaken, Hauptstraße 12, Berlin-Spandau.

Viktor Weber ist Pfarrer im Entsendungsdienst im Kirchenkreis Berlin-Spandau.

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